Wer vor 200 Jahren vom Ofenpass Richtung Zernez schaute, sah ausgedehnte Alpweiden, lichte Lärchenwälder, weite Kahlschlagflächen, jungen Gebüschwald. Heute sind die Alpweiden zugewachsen, im Wald wurde seit über hundert Jahren keine Säge mehr angesetzt. Hier liegt der Schweizerische Nationalpark.
Holz war jahrhundertelang der einzige Brennstoff. Ab dem 19. Jahrhundert wurde vermehrt Steinkohle eingesetzt, der Druck auf den Wald nahm ab. Durch die Eindämmung der Flussläufe und die Entwässerung von Mooren wurden fruchtbare Böden gewonnen. Um 1910 wurde der künstliche Stickstoffdünger entwickelt, ausgelaugte Böden bekamen die Fruchtbarkeit zurück. Es folgten höhere landwirtschaftliche Erträge und Abwanderung aus dem Berggebiet. Abgelegene und minderwertige Alpweiden wie am Ofenpass wurden nicht mehr gebraucht.
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Der Nationalpark verdankt seine Gründung der Steinkohleverfeuerung, Meliorationen und Kunstdünger. Der Schweizer Wald fand Erlösung von jahrhundertelanger Übernutzung. Um 1850 gab es in der Schweiz 7000 Quadratkilometer Wald, heute über 13 000. Die Waldfläche nimmt jährlich um vierzig Quadratkilometer zu. Das entspricht einem Band von Zürich bis Olten in der Breite eines Kilometers.
«Druck wie nie»
Dennoch: «Der Wald steht unter Druck wie noch nie.» Dieser Satz leitete die Vorstellung des Waldberichts 2025 ein, den das Bundesamt für Umwelt (Bafu) im vergangenen März präsentierte. Auf 161 Seiten erfährt man Erstaunliches, Betrübliches, Erfreuliches. Und Amüsantes. Zum Beispiel, dass die Unfallversicherung Suva neuerdings Kurse für Gleichgewichts- und Aufwärmübungen anbietet. Yoga für kernige Forstwarte in Arbeitsausrüstung.
Was derzeit im Wald geschieht, war im Waldbericht 2005 vorausgesagt worden. Damals stand geschrieben, die Waldverjüngung werde schwieriger, weil das Licht fehlt, die Vitalität der Bäume nehme ab, die Anfälligkeit für Sturmschäden steige an. Die Ursache: Die Wälder werden zu wenig genutzt, deshalb werden sie immer älter und dichter. Das ist messbar am sogenannten Holzvorrat.
Der Holzvorrat ist die «oberirdische Holzmenge sämtlicher lebenden Bäume». Im ganzen Schweizer Wald beträgt er 420 Millionen Kubikmeter respektive 0,42 Kubikkilometer. Es liesse sich also ein hölzerner Kubus mit einer Grundfläche von ein mal ein Kilometer Fläche und einer Höhe von 440 Metern bilden. Im Jahr 1950 war er noch halb so hoch. Kein anderes europäisches Land hat so viel ungenutztes Holz pro Waldfläche wie die Schweiz. Es wachsen jedes Jahr etwa zehn Millionen Kubikmeter Holz nach, gerade mal die Hälfte davon wird geerntet. In Österreich wird 97 Prozent des jährlichen Zuwachses genutzt.
Der derzeitige Zustand des Waldes wird als geschwächt, regional als kritisch beurteilt. Die Prognose von 2005 ist eingetreten: Schwierigkeiten mit der Waldverjüngung, instabile Bestände, Anfälligkeiten auf Borkenkäfer und Sturm. Neu heissen die Ursachen: Extremereignisse wie Hitze, Trockenheit und Stürme, Befall durch Schadorganismen und anhaltend hohe Stickstoffeinträge.
Die Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel sei die grösste Herausforderung. «Klimaresilienz» ist denn auch das Zauberwort, das einen Geldregen für allerlei Studien, Simulationen, Modelle und Pilotprojekte auslöst.
Stickstoffverbindungen wirken zwar als -Dünger, führen aber bei einem Übermass zu Bodenversauerung. Dadurch werden die Bäume geschwächt. Auf 90 Prozent der Waldfläche sei der kritische Wert überschritten. Der Stick-stoffüberschuss ist seit dem Allzeitmaximum von 1990 auf die Hälfte zurückgegangen und liegt nun auf dem Niveau von zirka 1960.
Der Branche geht es schlecht
Stürme und Borkenkäfer führen zu -flächiger Zerstörung von Waldbeständen. Die sogenannten Zwangsnutzungen widerspiegeln deren Ausmass. Ab 2018 fielen jährlich rund 900 000 Kubikmeter Schadholz an, vorher lag der Wert bei 200 000. In den Jahren 2001 bis 2006 waren es jedoch 1,3 Millionen pro Jahr. Auf den damaligen Schadensflächen stehen wieder junge Wälder.
Man wird den Eindruck nicht los, es werde einmal mehr auf Alarmismus gemacht. Die eigentliche Krise scheint von innen zu -kommen. Im Jahr 2005 wollte man die Probleme noch an der Wurzel packen. Bessere, sprich: intensivere Waldnutzung. Ziel war, die Holzernte massiv anzukurbeln.
Immerhin, die geerntete Energieholzmenge wurde verdoppelt. Statt aber zusätzliches Holz zu schlagen, ging die Gesamtholzmenge zurück. Es wurde umso weniger Stammholz für den Bau und für Schreinerarbeiten produziert. Gewachsen ist nicht die Waldnutzung, sondern der Holzimport. Der Holzendverbrauch der Schweiz beträgt rund elf Millionen Kubikmeter pro Jahr. Die heimische Produktion -liefert -weniger als die Hälfte.
Der Branche geht es schlecht. Der Anteil am volkswirtschaftlichen Gesamtindex nimmt laufend ab. Im Jahr 1995 hatte die Forst- und Holzwirtschaft (Holzernte und -verarbeitung, also auch Schreinereien, Papierherstellung und anderes Gewerbe) noch 2,0 Prozent des Bruttoinlandprodukts ausgemacht, nun sind es noch 0,7 Prozent. Vor dreissig Jahren waren schweizweit 8300 Personen in der Forstwirtschaft beschäftigt, nun sind es noch 5200 Vollzeitstellen. Die Holzerlöse sind teuerungsbereinigt seit 1970 um 80 Prozent gesunken, die Löhne um 75 Prozent gestiegen. Reich wird man mit dem unfallträchtigen Knochenjob nicht. Die -aktuelle Mindestlohnempfehlung beträgt 4754 Franken für einen Forstwart mit abgeschlossener Berufsausbildung.
Verbale Attacken und Vandalismus
Die Forstwirtschaft hängt wie die Landwirtschaft im dumme Rank. Jeder will nachhaltige und naturgerechte Produkte, aber keiner will dafür bezahlen. Um die Waldleistungen aufrechtzuerhalten, sind forstliche Eingriffe unerlässlich. Diese gehen aber nicht konform mit urban-grünem Naturverständnis. Ein Förster in einem stadtnahen Forstrevier prägte das Bonmot vom «homöopathischen Holzen». Damit meinte er eine Holzernte, ohne dass jemand etwas davon merkt. Solche Arbeiten sind nicht nur unverhältnismässig teuer. Eine zielführende Waldpflege ist nicht möglich, wenn den Eingriffen die nötige Intensität fehlt.
Die Indikatoren für Naturnähe gehen fast durchs Band in die Höhe. Waldbewohnende Schmetterlinge, Orchideen oder das seltene Auerhuhn brauchen nicht Wildnis, sondern Lichtwald und Waldweiden. Das Problem sind mangelnde Bewirtschaftung und Pflege.
Verpönt bei den Waldbesuchern sind -grosse Waldmaschinen. Doch mit langen Greifarmen ermöglichen sie eine schonende Holzernte. Statt die Stämme im sogenannten Bodenzug durch den ganzen Bestand zu schleifen, werden die Bäume herausgehoben. In den Fahrspuren werden Äste der geernteten Bäume ausgebreitet, um den Boden zu schonen. Ein gewisses Mass an Bodenverletzungen ist naturschutzfachlich erwünscht. Auf freigelegtem Rohboden gedeihen seltene Pionierarten, und in wassergefüllten Fahrspuren leben Frösche und Libellen. Zudem, die modernen Maschinen verbessern die Qualität des Arbeitsplatzes und die Arbeitssicherheit.
Vor allem in der Nähe von Agglomerationen und Tourismuszentren häufen sich -verbale -Attacken auf Waldarbeiter und Vandalismus an Forstmaschinen. Riskant ist, wenn sich Passanten in den abgesperrten Holzschlägen aufhalten. Es besteht akute Lebensgefahr. Die Verantwortung liegt beim Waldarbeiter. Statt sich voll auf die Arbeit zu konzentrieren, muss er ständig das Umfeld im Blick haben. Das zehrt an den Nerven. Ablenkung ist lebensgefährlich, denn Fehler verträgt die Arbeit mit den viele Tonnen schweren Stämmen nicht.
Multitalent im Regulierungsdschungel
Die geringe Wertschöpfung wird der hohen Bedeutung des Walds nicht gerecht. Der Wald ist ein Multitalent. Er bietet Erholung und Freizeitarena, Lebensraum für Pflanzen und Tiere, Arbeitsplatz und Einkommensquelle, Schutz vor Lawinen und Steinschlag, bildet Sauerstoff und reinigt die Luft. Und liefert Holz als eine der wenigen stofflichen Ressourcen der Schweiz. Immer mehr Aufgaben, die mit immer weniger Geld erbracht werden sollen. -Weniger Wertschätzung, mehr Vorschriften und verletzte Befindlichkeiten.
Was zu tun ist, ist längst bekannt: Es -müssen mehr Bäume gefällt werden. Der Baum ist dann gefällt, wenn ihn jemand gefällt hat. Klingt doof, ist aber fundamental. Es wurde noch kein Baum mittels Konzepten und Studien geerntet. Es braucht einen, der die Motorsäge in die Hand nimmt.
Jeder Wald ist anders und braucht eine massgeschneiderte Behandlung. Die Komplexität soll mit immer aufwendigeren Planungen bewältigt werden. Allein, keiner kann es besser als der Förster vor Ort. Die Förster werden aber mit Unmengen an Administration und Vorschriften blockiert, obwohl sie noch nie so gut ausgebildet waren. Noch vorratsreicher als der Wald ist der Regulierungsdschungel. «Verjüngungshieb» nennt es der Forstmann, wenn er zu dicht stehende Bestände auslichtet. Einen Verjüngungshieb würde man sich auch bei der Bürokratie wünschen.
Marcel Züger, Biologe ETH Zürich, hat drei Jahre als -Forstwart im Bergwald gearbeitet.

