Wenn ich ein Lastwagenfahrer wäre
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Wenn ich ein Lastwagenfahrer wäre

Wenn ich ein Lastwagenfahrer wäre

Eine Fernfahrerfantasie: Elefantenrennen, Kleenex-Boxenund blaue Plastiklatschen – aber ohne weisse Streifen.

Wenn ich ein Lastwagenfahrer wäre, würde ich mir vor der ersten Fahrt ein paar blaue Plastiklatschen kaufen, aber ohne weisse Streifen, denn ich möchte mich auf dem Autobahnrastplatz modisch ein wenig von den anderen Lastwagenfahrern unterscheiden. Die Jogginghose würde ich in der Farbe Blush Pink kaufen, wohlwissend, dass dies in den Abendstunden zwischen den geparkten Volvo FH16 mit 750 PS und den Scania S730 zu Kommentaren führen wird – auf Polnisch, Litauisch und Rumänisch. Um also trotz meiner pinken Hose meine heterogene Maskulinität unter Beweis zu stellen, würde ich mir eine nackte Verkehrspolizistin (erkennbar am Hut) auf den linken Unterarm tätowieren lassen – und auf den rechten den nordischen Gott Thor, der mit einem Vorschlaghammer eine Blitzeranlage zertrümmert.

Wenn ich ein Lastwagenfahrer wäre

Und dann bräuchte ich noch zehn billige Zahnbürsten, damit ich einen Vorrat habe, wenn mir auf einer Autobahntoilette wieder mal eine ins Klo gefallen ist beim Versuch, meinen Zündschlüssel aus der Brühe zu angeln. Ganz wichtig im Bereich Hygieneartikel wäre auch die Familienpackung Kleenex-Taschentücher; ja, ich würde mir diese teuren, aber saugfähigen Papiertücher leisten. Ich würde in der Kabine meines Mercedes-Benz Actros ein Schwenkregal einbauen, damit ich von jeder Position aus sofort ein Kleenex-Taschentuch aus dem Spender greifen kann. Das muss ja während der Fahrt manchmal schnell gehen, denn gerade wenn’s am schönsten ist, kann einen eine Polizeistreife rauswinken. Da will man ja dann trocken und sauber in die Kontrolle gehen.

Und dann bräuchte ich noch zehn billige Zahnbürsten, damit ich einen Vorrat habe.

Solo-Sexualität wäre natürlich ein Dauerproblem, und leider sind auf Schweizer Autobahnparkplätzen Asphaltschwalben verboten. Deswegen würde ich mich beim Chef für Fernfahrten nach Italien bewerben – hoffentlich klappt’s! In Italien gibt es molto belle Asphaltschwalben, denn der Arm des Papstes reicht nicht bis in jede Fahrerkabine. Im Sommer in Italien bräuchte ich neben einem ärmellosen weissen Unterhemd noch rote Aldi-Shorts, die im Schritt viel Raum lassen. Die Shorts eines Lastwagenfahrers müssen so weit geschnitten sein, dass er mit gespreizten Beinen bremsen kann, ohne ein Druckgefühl im Schritt zu empfinden. Jetzt wäre ich eigentlich fast bereit für meine erste Fahrt.

Aber vorher würde ich noch hinten auf die Ladetür meines Sattelaufliegers schreiben: GEFÄLLT IHNEN MEIN ELEFANTENRENNEN? RUFEN SIE AN: 079 . . . Denn wenn ich Lastwagenfahrer wäre, wäre ich es ehrlich gesagt nur, um Elefantenrennen zu veranstalten. Ist doch logisch. Wenn ich ein alter Römer gewesen wäre, hätte ich im Circus Maximus Nilpferdrennen veranstaltet. Auf der Autobahn Zürich–Bern, dem Circus Maximus unserer Zeit, würde ich mir natürlich nur gleichwertige Gegner aussuchen, also 40-Tonner mit einer Maximalgeschwindigkeit von 78 km/h. Meine ist 79 km/h. Ich würde mir ein Funkgerät in die Kabine einbauen lassen: «Hallo, hallo, hier Rolli 17, bin bei Kilometer 67 Zürich–Bern. Welcher Kollege in der Nähe ist mit 78 km/h unterwegs? Wer hat den Mut, es mit mir aufzunehmen, ihr Feiglinge!» Antwort: «Hier Buschi 88, bin direkt vor dir. Wart mit dem Rennen noch, bis wir aus der Baustelle Härkingen raus sind, hihi!»

Okay, und nun, wenn alle Kleinwagenfahrer nach der einspurigen Baustelle ohnehin kurz vor dem Infarkt sind, trete ich, kaum sind wieder zwei Spuren da, aufs Gas und schere mit vollen 79 km/h auf die Überholspur aus. Die langen Elefantenrennen sind einfach die schönsten! Die Zuschauer in den Kleinwagen würden sich weniger aufregen, wenn sie während des Rennens Wetten auf den Sieger abschliessen könnten – warum gibt es noch keine App dafür! Da fällt mir ein: Ich würde natürlich Ohrstöpsel brauchen. Denn das Gehupe hinter mir würde mich in meiner Konzentration stören. Bei einem Elefantenrennen muss man die Welt um sich herum komplett vergessen, man darf nur den Sieg vor sich sehen!

Im Kühlanhänger hat man vier Tonnen Rindfleisch geladen und 28 Emigranten aus El Salvador.

Doch alles, was ich geschrieben habe, stimmt nicht. Die Wahrheit ist: Wenn ich Lastwagenfahrer wäre, wäre ich es in Texas. Ich wäre Trucker mit richtig dickem Truck. Wenn man Zahnarzt ist, will man ja auch nicht mit einem Handbohrer die Karies entfernen. Sondern man möchte den dicksten, grössten, schnellsten und gefährlichsten Bohrer benutzen, den es auf dem Markt gibt. Also: ich in einem Kenworth W990, dem Titanen der Highways, im Handschuhfach liegt eine Ruger Magnum. Ich in riesigen blauen Plastiksandalen. Sitze hinter dem riesigen Lenkrad in Shorts, die so weit sind, dass ein Pferd durch die Hosenstösse galoppieren könnte, ohne mich zu berühren! Riesige Zahnbürste, kriege sie gar nicht in den Mund rein. Papiertaschentücher aus dem Fachhandel für Fallschirmspringer. All diese Dinge hat ein texanischer Trucker, und zusätzlich ist er noch gläubiger Christ. Es kann nicht schaden, Gottvertrauen zu haben, wenn man nachts auf einer schlecht beleuchteten texanischen Autobahn mit 140 km/h vor der Grenzpolizei flieht. Hinten im Kühlanhänger hat man vier Tonnen Rindfleisch geladen und 28 Emigranten aus El Salvador, die sich um die einzige Wolldecke prügeln. Das ist etwas anderes als in der Schweiz, wo man immer nur harmlose Güter wie Knorr-Suppen herumchauffiert. Der texanische Trucker verdient auch viel mehr als der schweizerische, denn unter dem gefrorenen Rindfleisch befinden sich noch zwei Tonnen Kokain als Sonderfracht. Ja, klar ist das illegal und ungesund für die Leute. Aber man sollte Realist sein: Der Lastwagenfahrer ist ein Transporteur von allem und jedem. Alles, was jemand ihm hinten in den Anhänger lädt, wird der Lastwagenfahrer an den Bestimmungsort bringen. Tot oder lebendig. Legal oder illegal. In Texas, an der mexikanischen Grenze, wäre es halt eher tot und eher illegal. So what?

Aber das sind alles nur Träumli. Um in Texas Kokain transportieren zu dürfen, bräuchte ich eine Green Card, und die habe ich nicht. Deshalb fahre ich halt Kurzstrecke, Zürich–Bern retour. Auf dem Rastplatz Würenlos winke ich aus dem Fenster raus mit einem Kleenex-Taschentuch und stelle mir vor, wie das auf die Asphaltschwalben auf einem Parkplatz in Neapel wirken würde. Danach lade ich meine vier Tonnen Maggi-Suppenwürfel ab und fahre leer und ausgebrannt wieder nach Hause. Ein Elefantenrennen? Vergiss es! Als Kurzstreckenchauffeur lernt man, keine Träume mehr zu haben und die Augen starr auf die Strasse zu richten, auf der man jede Ritze im Asphalt kennt. Man lernt, ab und zu einen Igel zu überfahren, ohne etwas dabei zu empfinden. Es ist ein so hartes Los, dass ich froh bin, dass andere es erdulden müssen und nicht ich.

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