Kaviar, Kebab und Könige
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Kaviar, Kebab und Könige

Kaviar, Kebab und Könige

Shahriar Gharibi führt das vielleicht beste orientalische Restaurant der Schweiz und ist eine Art Oberhaupt der Exil-Iraner am Genfersee.

An einem warmen Samstagabend im August summt es im «Palais Oriental» an der Promenade von Montreux wie in einem Bienenstock. Und der Bienenkönig ist ein Mann, besser: Herr, mit silbergrauem Haar und mediterranem Teint, einer Weissgold-Rolex und weissem Hemd mit aufgestickten Initialen S. G. Wenn er gerade keine Neuankömmlinge, viele davon ohne Tischreservierung, platziert oder Anrufe entgegennimmt, steht er für Gästefragen zur Verfügung, immer geduldig, immer mit einem Lächeln im Gesicht, sogar als ein junger Mann mit Trainingsanzug und amerikanischem Akzent wissen will: «Do you work here?» Shahriar Gharibi sagt dann nicht: «Nun, ich bin der Besitzer», sondern: «Ja, ich arbeite hier, mein Freund, wie kann ich helfen?»

Sébastien Agnetti/13PHOTO
«Weil ich meine Gäste nicht enttäuschen will, solange es geht»: Gastgeber Gharibi.
Sébastien Agnetti/13PHOTO

Gäbe es eine Einrichtung, die erwünschte Einwanderer auszeichnen würde, Gharibi wäre der Posterboy, ein 73-jähriges Erfolgsmodell im Wortsinn. Doch eine solche Stelle gibt es nicht, nicht in der Schweiz und erst recht nicht im Iran. Weshalb die Geschichte hier erzählt wird.

 

Nichts ist unmöglich

Shahriar kam 1952 im Nordwesten des Iran zur Welt, in einem Dorf, dessen Namen er nie nennt, weil es keiner kennt, nahe am Kaspischen Meer und der Grenze zu Aserbaidschan gelegen. Die Gharibis waren arm, ihr Reichtum, wie es das Klischee besagt, waren die Kinder, elf Kinder. Die Mutter, die nie zur Schule gegangen war, war bauernschlau gewesen, der Vater Koch bei einer angesehenen aserbaidschanischen Familie. Shahriars Muttersprache ist Aseri, eine Turksprache, die im Nachbarland gesprochen wird, Farsi, die Amtssprache, sowie Türkisch lernte er ebenfalls früh.

In den 1960er Jahren, als Shahriar heranwuchs, war Teheran ein glanzvoller Ort. Was mit Mohammad Reza Pahlavi, dem letzten Schah, und dessen dritter Frau Farah Diba zu tun hatte. Das Königspaar pflegte Freundschaften zu schicken Leuten auf der ganzen Welt, gehörte zum eben erfundenen Jetset; Mitglieder des losen Klubs reisten von Paris, Rom, New York oder St. Moritz in die iranische Hauptstadt beziehungsweise aus dieser an Orte des beau monde. Die Fallhöhe zu einem Dorf wie dem, in dem Shahriar lebte, war gross. So gross wie sein Wunsch, nach Teheran, 300 Kilometer entfernt, zu ziehen. Was im Grunde nicht sehr weit ist in einem Land, das viereinhalb Mal so gross ist wie Deutschland, aber weit genug ohne Auto und mit wenig öffentlichen Verkehrsmitteln. «Nichts ist unmöglich», sagte er sich (zwanzig Jahre vor dem späteren Toyota-Slogan). Und fand die Unterstützung eines kinderlosen Onkels, der Koch war wie sein Vater, aber im Dienst der ersten Familie des Iran stand.

Dank ihm kam der Landjunge in die Stadt. Und dank eigenen Eigenschaften – darunter Fleiss, Hartnäckigkeit, Ausstrahlung – dort an eine Hotelschule. Nach dem Abschluss stieg Shahriar auf, im Wortsinn, er fand eine Stelle in Schemshak, dem frisch eröffneten iranischen Skigebiet im Elburs-Gebirge, die Pisten liegen auf Höhen von bis zu 3000 Metern über Meer, was für «Pulver gut» auf iranische Art sorgt. Und Schemshak liegt bloss sechzig Kilometer nördlich der Hauptstadt. Nahe genug für einen Wochenendausflug für Bewohnerinnen, die Ski fahren und es sich leisten können. Wie eine junge Emmentalerin, die damals für die Schweizer Botschaft in Teheran arbeitete. Und dann im Hochgebirge eine Autopanne erlitt – Kavalier Shahriar war zur Stelle und ergriff die Gelegenheit. Bald wurden die beiden ein Paar.

«Uns Iranern fällt es manchmal schwer, zusammenzustehen, wir sind eher Einzelkämpfer.»

Wer meint, er lese eine Geschichte aus Tausendundeiner Nacht, hat noch nicht alles gelesen. Bald kam die Rotation der Schweizerin, die EDA-Aufenthaltsdauer betrug zwei Jahre, und ihre nächste Station war Bordeaux, wo die Schweiz ein Konsulat unterhält. Shahriar folgte seiner Liebe, liess sich aber in der Stadt der Liebe nieder, nicht in der grossen Kleinstadt am Atlantik. Und zog das grössere Los – noch heute kommt er ins Schwärmen, wenn er sich erinnert, wie er für die «Maison de l’Iran», damals gelegen auf den Pariser Champs-Élysées, als Kaviarkenner wirkte. Mit Kaviar kannte er sich auch aus? Klar. Oder wie man sagt: Man kann den Jungen vom Kaspischen Meer verfrachten, doch man bringt das Kaspische Meer nicht aus dem Jungen. Im kleinen Meer, auch als grösster Binnensee der Erde bezeichnet, gediehen dank geeigneter Wasserqualität und -temperaturen die meisten Störe, und der Iran bot die feinsten Fischeier der Welt an.

 

Lady Gaga und Reza Pahlavi

Nach zwei Jahren brachte die nächste Rotation auch Shahriar ins Rotieren. In Bern, wohin seine Frau zurückgerufen worden war, bekam er keinen Fuss auf den Boden, sondern stürzte in eine Depression, gegen die der Bärengraben eine Delle war. «Wir waren frisch verheiratet, doch ich fand keine Arbeit, hatte keine Aufgabe und keine Freunde, es war hart», sagt er auf Englisch, seine erste Sprache heute ist Französisch. War die Decke, unter der man sich wärmen konnte als ausländischer Neuzuzüger, in den 1980er Jahren kürzer und dünner? Oder war einer wie Shahriar Gharibi zu stolz, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen? Wohl beides. Doch wer es vom Dorf ohne Namen in die iranische und die französische Hauptstadt schaffte, schafft es auch von der Schweizer Bundesstadt nach Montreux – dort fand er endlich eine Stelle, eine niedrige Charge im «Montreux Palace».

«Niedrige Charge» und «Shahriar» passen nicht in einen Satz. Oder jedenfalls nicht für lange. Kommt dazu, dass an der Seeuferpromenade, knapp einen Kilometer vom «Palace»-Hotel entfernt, eines der ungewöhnlicheren Häuser der Schweiz steht: ein kleiner orientalischer Palast, erbaut von einem algerischen Politiker, der 1957 in die Schweiz zog. Und der das Anwesen, mit zwanzig oder so Zimmern zu gross für eine Familie, bald als Gästepension umnutzte. Wie es der Bauherr mit Namen Belroul Raha Ahmed jemals geschafft hatte, seine Pläne den Behörden als orts- und quartierüblich zu präsentieren sowie eine Baubewilligung dafür zu bekommen, ist heute fast unvorstellbar.

Er hat eine erwachsene Tochter, doch er möchte den Betrieb des Restaurants niemandem zumuten.

Fast so unvorstellbar, wie es rund zwei Jahrzehnte später ein Casserolier ohne Mittel und mit Namen Shahriar schaffte, das Palais zu mieten und darin ein marokkanisch-libanesisch-persisches Restaurant zu betreiben. Pardon, nicht irgendein orientalisches Restaurant, stattdessen eines, das seit fast vierzig Jahren mit über dreissig Festangestellten allabendlich bis zu 500 Teller auf die Tische stellt und die anspruchsvollsten arabischen Gäste der Schweiz bedient. Ein Restaurant, in dem rauschende Hochzeiten gefeiert werden. Und bevor wir’s vergessen: Längst hat Gharibi es geschafft, den ganzen Block, an den das Palais angebaut ist, zu kaufen (im Hintergebäude ist unter anderem sein Handelsbetrieb Caviar du Palais untergebracht). Jüngst habe er ein Angebot erhalten, 23 Millionen Franken wollte der Kaufinteressierte zahlen, sagt Gharibi, doch der Abschluss kam nicht zustande, der Bieter verstarb zur Unzeit.

Im Juni dieses Jahres, nachdem amerikanische Tarnkappenbomber die iranische Atomwaffenanlage zu sprengen versucht hatten, wurden auch Journalisten, die sonst kaum über Kaviarhändler und Restaurantbetreiber berichten, auf Gharibi aufmerksam – in der Sonntagszeitung etwa wurde er als «Dreh- und Angelpunkt der iranischen Diaspora am Genfersee» eingeführt. Das sei nicht ganz richtig, sagt er. Und nicht ganz falsch, ist zu ergänzen. Es stimmt, dass der umtriebige Unternehmer viele kennt, die aus dem Nahen Osten kommen und jemand sind in der Westschweiz.

 

Iranische Teppiche und Kunst

Samstags, am frühen Nachmittag zwischen Mittags- und Abendservice, empfängt er die iranische Exilgemeinde im Lokal, neben der Theke steht ein Tisch, der immer reserviert ist und dessen Platte mit Gedichtzeilen von Hafis und anderen Dichterfürsten des alten Persien beschriftet ist. «Meine Freunde und ich sprechen kaum über Politik, sondern über Poesie», sagt er. Auch das dürfte nicht ganz richtig sein (und nicht ganz falsch). Als ich kürzlich chez Shahriar ass, trat ein Gast zu Gharibi und fragte nach der Bedeutung einer Zeile eines Gedichts. Worauf der Wirt dieses erst auswendig aufsagte und danach die gewünschte Erklärung abgab.

Im Chefbüro im oberen Stock gibt es hundert Fotos in staubfreien Silberrahmen, die Gharibi mit (mehr oder weniger) berühmten Leuten zeigen, darunter Lady Gaga, Maurice Béjart oder Reza Pahlavi. «Die Lage ist unübersichtlich und unklar», sagt er und meint die Lage in der alten Heimat im Allgemeinen sowie im Zusammenhang mit dem ältesten Sohn des letzten Schahs im Besonderen. Pahlavi junior, der eine Schwester hat, die in Lausanne lebt, schätze er persönlich. Doch er bezweifle, dass der in Virginia (Vereinigte Staaten von Amerika) wohnende 64-Jährige genügend Unterstützung im Iran sowie im Ausland bekommen könnte, die es brauche, um den Mullah, den politischen und militärischen Führer an der Spitze der heutigen Regierung, zu ersetzen. «Wir Iraner sind findige Leute, leider fällt es uns manchmal schwer, zusammenzustehen, wir sind eher Einzelkämpfer», sagt er.

Diese Einschätzung trifft auch auf ihn zu. Das «Palais Oriental», in dem er ferner eine Galerie für iranische Teppiche sowie Kunst führt, ist Shahriar Gharibis Lebenswerk. Und ein Leben reicht dafür, so sieht es aus. Er hat eine erwachsene Tochter, sie wurde eben zum ersten Mal Mutter und lebt in Zürich, doch er möchte den Betrieb des Restaurants niemandem zumuten. «Würde mir nicht die Liegenschaft gehören und ich mir nicht die Miete erlassen, würde der Betrieb Geld verlieren», sagt er. Darauf urteilt er höflich, aber streng über laufend neue behördliche Bestimmungen, die Gastronomen das Geschäft und das Leben schwermachen würden.

«Weshalb tun Sie sich das noch immer an?», frage ich. «Weil ich meine Gäste nicht enttäuschen will, solange es geht», antwortet er. Und bloss Augenblicke später, als hätte er es geplant, tritt ein Gast zum Bienenkönig und teilt mit, er sei beeindruckt von der Qualität der iranischen Spezialität: «Das Djudjeh-Kabab [gebratenes, mariniertes Junghähnchen am Spiess] ist sogar besser als das meiner Mutter.»

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