In diesen Tagen jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa zum achtzigsten Mal (in Asien und im Pazifik endete der Krieg erst nach den amerikanischen Atombombenabwürfen auf Japan im August 1945). Es endete ein Grauen, wie es die Menschheit zuvor nicht gekannt hatte, mit Dutzenden Millionen Toten, darunter die Opfer der industriellen Massentötung des europäischen Judentums durch das nationalsozialistische Deutschland in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.
Den grössten Blutzoll zahlte mit über 25 Millionen Menschen die Sowjetunion. Relativ gesehen, im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, hatten die Polen die meisten Opfer zu beklagen: 6 Millionen Tote entsprachen rund 17 Prozent der Vorkriegspopulation.
Nackte Zahlen, wir wissen es, können das unvorstellbare Leid dahinter nicht vermitteln. Aber sie sind wichtig, um die Dimensionen im Auge zu behalten.
Das Gedenken an das Kriegsende ist heute gestört. In Deutschland ist es merkwürdig still, während Moskau zur grossen Parade zum Tag des Sieges rüstet. Putin begrüsst auf dem Roten Platz Xi Jinping. EU-Vertreter und der neue deutsche Aussenminister Johann Wadephul reisen gleichzeitig in die Ukraine und machen dort neue Rüstungsversprechen.
Die Feinde von damals sehen sich wieder als Feinde an.
Eine Versöhnung, einen Frieden kann es nur geben, wenn die Kriegsparteien aufeinander zugehen. Der Zweite Weltkrieg kann kein Vorbild sein. Er endete mit der bedingungslosen Kapitulation der einen, der deutschen Seite, mit einer «vernichtenden Befreiung» durch die Alliierten.
Die Gedenktage böten eigentlich die Chance, hüben wie drüben über den eigenen Schatten zu springen. Sie wird verpasst. Dazu brauchte es neben historischer Vorstellungskraft und Realitätssinn auch eine gewisse menschliche Grösse.