In einem Interview der NZZ mit zwei ehemaligen Bundesräten äusserte sich Pascal Couchepin gegenüber Christoph Blocher so: «Kürzlich habe ich einen Artikel von dir in der Weltwoche gelesen, die mir gratis zugeschickt wird. Darin behauptest du, der erste katholisch-konservative Bundesrat, Josef Zemp, wäre heute in der SVP. Du taufst die Toten um wie die Mormonen. Ich kenne die ‹KK-Welt›. Ein Katholisch-Konservativer wäre niemals SVP. Eher käme er zu uns, den Radikalen. Auch Euer Bundespräsident Guy Parmelin ist näher bei uns als bei deiner SVP. Ich denke, er hat die neuen Verträge mit Freude unterzeichnet.»
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Historisch exakt belegt ist so viel: Josef Zemp (1834–1908) war ein Erzföderalist und ein scharfer Kritiker freisinniger Tendenzen zum Zentralstaat. Viele Jahre stand er sowohl in seinem Kanton Luzern wie im Nationalrat in scharfer Opposition zur liberal-radikalen Mehrheit. Dass Zemp die unbedingte bewaffnete Neutralität befürwortete, ist ebenso belegt wie sein entschiedenes Einstehen für das Gewicht der Kantone und für das Ständemehr. Einer Nato-Anbindung hatte Josef Zemp wohl ebenso wenig zugestimmt wie staatlichen Kinderkrippen, der Individualbesteuerung oder gar der «Ehe für alle». Und der Schöpfer der Volksinitiative hätte keine Freude daran gehabt, dass das Parlament die Masseneinwanderungs-Initiative einfach nicht umsetzte.
All dies war in den letzten Jahren aber offizielle FDP-Politik. Vielleicht sollte sich Pascal Couchepin auch überlegen, warum die Freisinnigen gerade in den katholischen Kantonen so viele Stimmen an die SVP verloren haben – genau wie die auf «progressiv» gebürstete CVP/Mitte. Das zeigt exemplarisch das Entlebuch, aus dem Josef Zemp stammte. Dort war noch 1979 die CVP mit 70,6 Prozent die stärkste politische Kraft. Danach folgte die FDP mit 20,9 Prozent. Eine SVP existierte damals noch gar nicht.
2023 erreichte die CVP/Mitte im Entlebuch noch 40,8 Prozent, die SVP 30,2 Prozent und die FDP 16,8 Prozent. Irgendwohin sind also die beinahe halbierten CVP-Stimmen gewandert – nämlich nachweislich zur SVP, die aus dem ursprünglichen Nichts zu fast einem Drittel der Wähler kam.
Originell, weil geradezu absurd ist Pascal Couchepins Behauptung, SVP-Bundespräsident Guy Parmelin habe die EU-Unterwerfungsverträge «mit Freude» unterzeichnet. Wäre dem so gewesen, wäre der Parmelin kaum in schwarzer Krawatte nach Brüssel gereist, um während der Begegnung mit Ursula von der Leyen kein einziges Mal zu lächeln. Und wenn Parmelin näher bei der FDP als bei seiner eigenen Partei stehen würde – was Couchepin ebenfalls unterstellt –, hätte der Waadtländer ja gleich bei den Freisinnigen (radicaux) bleiben können, wo seine Vorfahren über Generationen waren.