Zwei Wochen nach Beginn der Operation «Epic Fury» scheint das mediale Urteil bereits gefällt: Die Vereinigten Staaten und Israel seien ohne klaren Plan in einen Krieg hineingestolpert, während Iran mit regionalen Vergeltungsschlägen antwortet und die Welt in einen neuen Abgrund im Nahen Osten reisst. Kritiker verweisen auf explodierende Ölpreise und die drohende Schliessung der Strasse von Hormus als Beleg für ein strategisches Scheitern. Doch diese verbreitete Erzählung greift zu kurz, findet Politikwissenschaftler Muhanad Seloom. Wie er in einem Gastbeitrag für Al Dschasira schreibt, ist das, was wir derzeit erleben, kein orientierungsloser Schlagabtausch, sondern eine methodische, in Phasen ablaufende Demontage der iranischen Machtprojektion.
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Seloom widerspricht damit der dominierenden Darstellung, wonach der Krieg vor allem Chaos und Eskalation produziere. Zwar reagiert Iran mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Ziele in Israel und der Region, doch laut Analyse nehmen Intensität und Wirkung dieser Angriffe deutlich ab. Daten aus den ersten Kriegswochen zeigen einen massiven Rückgang iranischer Raketenstarts sowie die Zerstörung zahlreicher Abschussanlagen. Gemäss öffentlichen Daten sind die iranischen ballistischen Raketenstarts um mehr als 90 Prozent zurückgegangen – von rund 350 Ende Februar auf etwa 25 Mitte März. Auch bei Drohnen zeigt sich derselbe Trend: von über 800 Einsätzen am ersten Tag auf rund 75 nach zwei Wochen. Während die erste Phase der Operation die iranische Luftverteidigung und Kommandozentralen ausschaltete, konzentriert sich die aktuelle Phase auf die Verteidigungsindustrie und unterirdische Lagerbestände, um einen Wiederaufbau der Kapazitäten zu verhindern.
Die Blockade der Strasse von Hormus wertet Seloom als verzweifelten Akt, der Iran wirtschaftlich mehr schadet als dem Rest der Welt, da Teheran damit seine eigene Route zu Partnern wie China kappt. Rund 90 Prozent der iranischen Ölexporte laufen laut Seloom über diese Route. Mit der Blockade schneidet sich der Iran also ins eigene Fleisch und verliert Einnahmen.
Auch das Netzwerk verbündeter Milizen wertet Seloom nicht als Stärke, sondern als Schwäche. Angriffe durch Gruppen wie die Hisbollah oder irakische Milizen seien kein Zeichen wachsender Schlagkraft, sondern folgten einem Notfallplan für den Fall eines Führungsverlusts. Nach der Tötung von Religionsführer Ali Chamenei und mehreren Kommandeuren der Revolutionsgarde fehle die zentrale Steuerung. Die Gruppen agierten zunehmend unkoordiniert, während Staaten der Region aktiver gegen iranische Angriffe vorgingen.
«Krieg ist hässlich, aber die Kriegsstrategie funktioniert», schreibt Seloom. Die Kosten seien hoch, insbesondere für die Zivilbevölkerung und die Wirtschaft. Dennoch sieht er das strategische Ziel, den Iran dauerhaft zu schwächen, weitgehend erreicht. Eine andere Frage sei, ob daraus im Iran eine stabile politische Ordnung entstehen könne.