Was markiert Donald Trumps Wirtschaftspolitik in Wahrheit? Ist sie lediglich Protektionismus?
Nein, sie bricht tiefgreifend mit dem neoliberalen Konsens, der seit Jahrzehnten Freihandel, Deregulierung und Globalisierung als unantastbare Heilmittel behandelt. Trumps Ansatz stellt diese Prämissen radikal in Frage – und propagiert ein neues Paradigma der politischen Kontrolle über Handelsflüsse.
Trumps Zölle dienen in diesem System nicht dem Schutz einzelner Industrien, sondern sind strategisches Druckmittel. Wer sich den Bedingungen der USA widersetzt, zahlt an der Zollgrenze – wer einlenkt, bekommt Zugang zum amerikanischen Markt. Trumps Politik ersetzt multilaterale Verfahren durch bilaterale Machtlogik. Der Welthandel wird damit zum geopolitischen Spielfeld.
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Zweite Säule ist das Prinzip der Reziprozität: Nur wer amerikanischen Produkten fairen Zugang gewährt, darf selbst am US-Markt partizipieren. Was wie Abschottung wirkt, ist in Wahrheit eine Form aussenpolitischer Konditionalität – Handelsvorteile gibt es nur bei sicherheitspolitischer Kooperationsbereitschaft. Der Markt wird zur Bühne geopolitischer Bündnistreue.
Trumps Vision läuft auf eine selektive Globalisierung unter amerikanischer Führung hinaus – ein Netzwerk privilegierter Partnerstaaten, verbunden durch das Dollar-Finanzsystem, aber politisch kontrolliert. Dieses «Mar-a-Lago-System» wäre keine Rückkehr zum alten Protektionismus, sondern ein neuer Ordnungsrahmen nach dem Scheitern der liberalen Globalisierung.
Die Kritik am gescheiterten Neoliberalismus ist berechtigt: Deindustrialisierung, Abhängigkeit von China und der Verlust politischer Handlungsfähigkeit haben gezeigt, wie naiv die Entkopplung von Markt und Macht war. Doch Trumps Gegenmodell wirft neue Fragen auf – vor allem für Europa. Die EU kann nicht länger reagieren, sie muss strategisch denken: mit gezielter Industriepolitik, Investitionen in Schlüsseltechnologien und einem klaren Willen zur politischen Souveränität.
Denn Trumps Zölle sind kein Irrweg. Sie sind Ausdruck einer tektonischen Verschiebung. Wer jetzt nicht handelt, wird nicht nur überholt – sondern überrollt.
Dr. Jan C. Bentz lebt mit seiner Familie in England, lehrt Philosophie an der Universität Oxford und schreibt freischaffend über Glaube, Kultur und Bildung.