Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) ändert seine Berichterstattung über Kriminalität. Ab sofort wird bei Täterinnen, Tätern und Opfern konsequent die Nationalität genannt, berichten die Zeitungen von CH Media. Damit bricht das öffentlich-rechtliche Medienhaus mit seiner langjährigen Praxis, die Herkunft nur in Ausnahmefällen zu thematisieren – etwa wenn sie für das Verständnis der Tat, wie bei sogenannten Ehrenmorden, von zentraler Bedeutung war.
Alessandro della Valle/Keystone
Die Verantwortlichen begründen die Anpassung der publizistischen Leitlinien als notwendige Reaktion auf die «journalistischen Realitäten». Durch Präzision und Transparenz wolle man Spekulationen, Gerüchten und der Verbreitung von Falschinformationen entgegenwirken. Interessanterweise führt das SRF auch den Diskriminierungsschutz als Argument an: Die bisherige, selektive Praxis habe bei Fehlern ein höheres Risiko für Vorurteile in sich geborgen, welches durch eine lückenlose Nennung nun beseitigt werde.
Der Druck für diesen Sinneswandel kam unter anderem von der Ombudsstelle der SRG Deutschschweiz, die bereits früher Verstösse gegen das Sachgerechtigkeitsgebot moniert hatte, wenn die Nationalität unerwähnt blieb. Auch politisch ist das Thema hochaktuell: Im Schweizer Parlament ist eine Initiative hängig, die Behörden zur Kommunikation der Staatsangehörigkeit von Verdächtigen verpflichten will – ein Vorstoss, der im Nationalrat bereits eine Mehrheit fand.
Während Vertreter der SVP die Neuerung begrüssen, äussert sich die politische Linke enttäuscht. Kritiker wie SP-Nationalrätin Tamara Funiciello betonen, dass Gewalt ein komplexes Phänomen sei. Funiciello: «Sozio-ökonomische Umstände, Traumata, Gesinnung, Erziehung und weitere Faktoren spielen eine Rolle, genauso wie die Situation der Opfer.»