Armeechef Thomas Süssli sieht vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs in der Schweiz keine sicherheitspolitische Wende. «Ich habe nicht das Gefühl, dass seither ein Ruck durchs Land gegangen wäre», sagte er der NZZ. Obwohl die Bedrohungslage sich verschärft habe, sei die Politik zurückhaltend geblieben.
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Süssli, der Ende 2025 als Chef der Armee abtritt, warnt vor Illusionen: «Die Bevölkerung und die Politik dürfen nicht glauben, die Armee sei verteidigungsfähig, wenn sie es nicht ist.» Aktuell könne im Ernstfall nur ein Drittel der Truppe vollständig ausgerüstet werden. Das sei eine grosse Belastung für seine Verantwortung.
Warum es kein sicherheitspolitisches Erwachen gebe, erklärt der General mit drei Faktoren: Erstens habe die Schweiz keine kollektive Kriegserfahrung wie andere Länder – der letzte bewaffnete Konflikt auf Schweizer Boden sei der Sonderbundskrieg von 1847 gewesen. Zweitens erscheine der Ukraine-Krieg vielen trotz geografischer Nähe als fern. Und drittens herrsche die Illusion vor, Neutralität sei ein Schutzschild. Neutralität habe nur einen Wert, wenn sie mit Waffen verteidigt werden könne, so Süssli.
Kritisch sieht er auch die lange Planungsdauer bei der Aufrüstung. Wenn die Schweiz erst ab 2032 1 Prozent des BIP in die Verteidigung investieren wolle, sei das Land frühestens 2050 verteidigungsfähig.
Trotzdem sieht Süssli Fortschritte. Mit einem neuen Innovationssystem könnten Milizsoldaten technologische Ideen einbringen. «Es erlaubt uns, neue Technologien rasch zur Truppe zu bringen», sagte er. Bei Drohnen etwa setze man auf Rahmenverträge statt Vorratskäufe, um jeweils die aktuellste Technik zu nutzen.