Alle Jahre wieder diskutiert Deutschland über Sinn und Unsinn des privaten Böllerns. Befürworter eines Böllerverbots argumentieren wahlweise mit der Gefahr ernsthafter Verletzungen durch verbotenes Feuerwerk aus dem Ausland, den kriegsähnlichen Zuständen, die seit einigen Jahren speziell in deutschen Grossstädten zu Silvester herrschen, oder mit dem Tierschutz und der Umwelt. Viele dieser Argumente haben durchaus ihre Berechtigung, und dennoch sträubt sich bei dem Gedanken an ein Böllerverbot mein liberales Herz.
MARCUS BRANDT / KEYSTONE
Dabei bin ich selbst nicht einmal ein Böllerfan. Das letzte Mal, dass ich einen Chinaböller geworfen habe, dürfte zwanzig Jahre her sein. Vor Raketen hatte ich schon immer Respekt, auch wenn ich sie gerne anschaue. Als Kind konnte ich mich vor allem für Feuerringe und Fontänen begeistern. Heute reicht mir eine Wunderkerze um Mitternacht.
Ich habe zudem eine Katze und zwei Hunde. Tiere sind bekanntlich nicht die grössten Fans von Feuerwerk. Manche entwickeln eine regelrechte Panik und leiden schon Tage vorher unter den ersten Knallgeräuschen.
Aber besteht der liberale Grundgedanke nicht genau darin, nicht alle privaten Entscheidungen auf die Gesellschaft abzuwälzen? Es war meine Entscheidung, mir Tiere anzuschaffen, und es ist meine Sache, ob ich selbst Spass am Böllern habe oder nicht. Sollte ich anderen deshalb das Böllern verbieten wollen, weil mir selbst nichts daran liegt? Ist nicht gerade das symptomatisch für die heutigen Gesellschaften des Westens, dass man ständig der Meinung ist, der Staat müsse mit Verboten und Regulierungen dafür sorgen, dass alle so leben müssen, wie man es selbst für richtig erachtet?
Ich lehne diese Haltung ab. Ich trage die Verantwortung für meine Tiere und dass sie diesen einen Abend im Jahr möglichst angstfrei zu Hause überstehen. Ich muss auch nicht anderen den Spass an etwas verderben, nur weil ich selbst keinen Sinn dafür habe. Das würde ich umgekehrt auch nicht wollen. Und wenn einen die kriegsähnlichen Zustände, die erst seit einigen Jahren in dieser Form an Silvester existieren, stören, könnte man immer noch damit beginnen, Zuwanderer, die sich nicht benehmen, endlich auszuweisen, statt sie einbürgern. Und wer sich darüber hinaus auf dem Dorf oder andernorts mit einem Polenböller ins Jenseits befördern will, der soll das eben tun. Darwin lässt grüssen.
Was mich an der Debatte jedoch am meisten stört, ist, dass ihr immer eine gehörige Portion linksbourgeoise Verachtung gegenüber dem «kleinen Mann» innewohnt. Eine Haltung, die mittlerweile auch auf Schmalspur-Liberale und Pseudo-Konservative übergreift. Die «Unterschicht», die ihr Bürgergeld in den Himmel jagt, so der Tenor. Wer oberschlau und gebildet wie die Linken ist, der böllert nicht. Es ist genau jene Haltung, die mich zum Verfechter des Böllerns macht. Eine Art natürliche Reaktanz gegenüber linkselitärer Arroganz.
In diesem Sinne: Lasst dem Deutschen sein Böllern. Er hat ja sonst nicht mehr viel Grund zur Freude.