Es waren Bilder für die Geschichtsbücher: 1985 empfing der damalige Bundespräsident Kurt Furgler (CVP) auf dem Genfer Flughafen die Staatschefs der USA und der Sowjetunion. Erstmals trafen sich in der Rhonestadt Ronald Reagan und Michail Gortbatschow persönlich. Die Begegnung war der Beginn eines Tauwetters und mündete in der Beendigung des Kalten Kriegs und des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus.
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Bei alledem brillierte Kurt Furgler damals als Gastgeber in allen denkbaren Sprachen. Gut möglich, dass der heutige Aussenminister Ignazio Cassis einen solchen Furgler-Moment in Genf – unter den Augen der gesamten Weltöffentlichkeit – nicht weniger geniessen würde.
Nur hat der Schweizer Aussenminister selber diese Möglichkeit bei Ausbruch des Ukraine-Kriegs gründlich verscherzt. Er gehörte im Bundesrat zu den treibenden Kräften, welche die schweizerische Neutralität beschädigten und sich blind den EU-Sanktionen gegen Russland anschlossen. Seither machen die russischen Verantwortungsträger bei jeder Gelegenheit klar, dass schweizerischer Boden wegen dieser neutralitätswidrigen Sanktionspolitik nicht mehr für Verhandlungen in Frage kommt.
Jetzt versucht Cassis, die Amerikaner, Russen, Ukrainer und Europäer doch noch nach Genf zu locken. Er wäre sogar bereit, Wladimir Putin ausnahmsweise nicht an den Internationalen Gerichtshof in Den Haag auszuliefern – statt dass er vor Jahr und Tag verhindert hätte, dass die Schweiz bei diesem Unsinn überhaupt mitmacht.
Von Ignazio Cassis werden der Nachwelt wohl niemals Bilder überliefert, wie er als neutraler Staatsmann seine verfeindeten Gäste zusammenführt. Nicht vergessen wird hingegen sein Solidaritätsauftritt von 2022 mit den Ukrainern auf dem Berner Bundesplatz, wo er Wolodymyr Selenskyj als seinem «guten Freund» huldigte.