Der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnt vor einer schweren globalen Energiekrise. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er von der «grössten Bedrohung der Energiesicherheit in der Geschichte der Menschheit».
Birol sieht die aktuellen Entwicklungen als gravierender an als frühere Ölkrisen. «Der Schaden ist grösser als bei diesen beiden grossen Ölpreisschocks zusammen», sagte er mit Blick auf die Krisen von 1973 und 1979. Weltweit fehlten derzeit rund elf Millionen Barrel Öl pro Tag. Auch beim Gas gebe es erhebliche Ausfälle, insbesondere im Nahen Osten.
OLIVIER MATTHYS / KEYSTONE
Besonders kritisch bewertet Birol die Lage rund um die Strasse von Hormus. «Das sind die Hauptarterien der Weltwirtschaft, und sie sind fast alle lahmgelegt», erklärte er. Selbst bei einer Entspannung der Lage könne es Monate dauern, bis stillgelegte Förderanlagen wieder in Betrieb gehen.
Die IEA hat nach eigenen Angaben bereits 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigegeben. Weitere Massnahmen schliesst Birol nicht aus. «Das sind 20 Prozent unserer Vorräte, wir verfügen also immer noch über 80 Prozent.»
Zugleich ruft die IEA zu Einsparungen auf. Dazu zählen weniger Verkehr und vermehrtes Arbeiten im Homeoffice.
Kritisch äusserte sich Birol zur deutschen Energiepolitik. «Deutschland hat […] einen riesigen strategischen Fehler begangen, indem es die Kernkraftwerke stillgelegt hat.»