Alles beginnt mit einem Zinssatz. Was nach trockener Zentralbankpolitik klingt, ist in Wahrheit ein Schalter zum Dimmen, der die Weltwirtschaft bei Bedarf grell ausleuchtet. Die USA haben ihn hochgedreht, um ihre Inflation im Griff zu behalten – und plötzlich geraten Länder wie Kenia, Sri Lanka oder Panama ins Schlingern.
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Bis zu 4,5 Prozent Zinsen auf Dollar-Verbindlichkeiten müssen sie zahlen. Das ist ihnen entschieden zu teuer. Ihre Schulden in Dollar gleichen einem Anker, der sie in stürmischer See nach unten zieht. Also kappen sie das Seil und greifen nach Rettungsringen aus China und der Schweiz. Der Renminbi und der Franken – beides Währungen, die mit niedrigen Zinsen locken – werden zu neuen Zufluchtsorten für verschuldete Staaten.
Während die US-Notenbank noch die Schraube anzieht, öffnet sie ungewollt eine Tür. Auf der einen Seite tritt China hindurch – mit dem Belt-and-Road-Programm im Rücken, das längst nicht nur Strassen und Brücken finanziert, sondern Abhängigkeiten zementiert. Jeder Kredit in Renminbi ist ein Stück Einfluss, das Peking klug verteilt. Auf der anderen Seite erscheint die Schweiz – leise, fast unsichtbar, wie ein betagter Bankier, der die Hand hinstreckt und sagt: Komm zu mir, hier gibt es Ruhe, Sicherheit, niedrige Zinsen.
So läuft das Spiel: Amerika schützt sich selbst, aber verliert Macht. Der Dollar, jahrzehntelang die unumstrittene Leitwährung, verliert Glanz. Er ist nicht mehr das rettende Ufer, sondern der Sturm, vor dem man flieht. Und die Fliehenden landen dort, wo sie niedrigere Zinsen finden – im Reich der Mitte oder im Schatten der Alpen.
Das hat Folgen. China gewinnt geopolitisches Kapital, weil Kredite immer auch Loyalität erzeugen. Die Schweiz gewinnt einmal mehr Vertrauen, weil sie die Rolle des stabilen Hafens perfektioniert hat. Und die USA? Statt Stabilität zu exportieren, exportieren sie Verunsicherung – und mit ihr die Chance für andere, stärker zu werden.
Die Wahrheit ist unangenehm für Washington: Mit jeder Zinserhöhung stärken die USA jene, die ihnen strategisch gefährlich werden können – China – und jene, die aus jeder Krise Kapital schlagen – die Schweiz. Die Schuldenpolitik der USA ist damit ein Geschenk. Eines an Peking und Bern.