Das Interview mit Alice Weidel wurde so massiv gestört, dass der ARD-Moderator es hätte abbrechen müssen. Die Protestler – das «Zentrum für Politische Schönheit» und die «Omas gegen rechts» – scheinen zufrieden. Nur: Es könnte sein, dass sie ein Eigentor geschossen haben
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Das Interview mit Alice Weidel wurde so massiv gestört, dass der ARD-Moderator es hätte abbrechen müssen. Die Protestler – das «Zentrum für Politische Schönheit» und die «Omas gegen rechts» – scheinen zufrieden. Nur: Es könnte sein, dass sie ein Eigentor geschossen haben

Das auf freier Bühne geführte Interview ging in der zweiten Hälfte vollends in den Geräuschen vom anderen Ufer der Spree unter. Zu den Rufen gesellte sich nun ein auf einen Bus montierter Lautsprecher, der mit seinen Gesängen das ganze Regierungsviertel beschallte. Niemand unterbrach das Gebrüll. Der Moderator fragte höflich weiter, und die Interviewte antwortete eisern lächelnd und unverdrossen. Selbstverständlich hätte Markus Preiss das Gespräch abbrechen und eine Wiederholung zu einem späteren Zeitpunkt ankündigen müssen. Das hätte ein journalistisches Mindestmass an Fairness geboten.

JÖRG CARSTENSEN / KEYSTONE
Das Interview mit Alice Weidel wurde so massiv gestört, dass der ARD-Moderator es hätte abbrechen müssen. Die Protestler – das «Zentrum für Politische Schönheit» und die «Omas gegen rechts» – scheinen zufrieden. Nur: Es könnte sein, dass sie ein Eigentor geschossen haben
JÖRG CARSTENSEN / KEYSTONE

Die Zuschauer dürften geteilt gewesen sein. Die AfD-Gegner (27 Prozent sind für ein Verbot der Partei, Allensbach) dürften zufrieden sein. Tenor: Sicher, so etwas kann man eigentlich nicht tun, den Gegner mundtot machen. Aber es trifft die Richtigen. Der AfD sei es gegönnt.

Die Anhänger und Sympathisanten der AfD aber dürften empört gewesen sein. Denn diese Sendung muss sie in der Auffassung bestärkt haben, dass der AfD Unrecht geschieht und ihre Chefin Alice Weidel wieder einmal mundtot gemacht werden sollte. Das dürfte die Radikalisierung der AfD-Wähler (deren Mehrheit früher die etablierten Parteien gewählt hat) beschleunigen.

Vor kurzer Zeit war die Mehrheit der AfD-Wähler noch Protest-Wähler, inzwischen identifiziert sich schon jeder und jede zweite der zehn Millionen AfD-Wähler voll mit der AfD (laut Allensbach-Umfrage).

Bleiben noch solche wie ich. Ich bin keine AfD-Sympathisantin, sondern nur ganz allgemein für Fairness und Dialog. Und für Klarheit. Also entweder die AfD ist beweisbar eine demokratiefeindliche Partei und gehört verboten. Oder sie ist eine zwar unbequeme und tendenziell rechtsradikale Partei, die sich jedoch noch innerhalb des Parteienspektrums von links bis rechts bewegt. Dann muss sie als grösste Oppositionspartei angemessen behandelt werden.

Dasselbe gilt für das jetzt von links geforderte Verbot der AfD. Das den Parteien, die es fordern, nutzen würde. Ein Verbot, das allerdings weder die Medien noch die Konkurrenz-Parteien beschliessen können, sondern Richter entscheiden.

Ich bin überzeugt, dass nicht nur der Versuch eines AfD-Verbotes, sondern auch dieses Interview-Spektakel in Wahrheit Alice Weidel nutzt. Es war nichts als eine Selbstversicherungs-Aktion: Wir sind die Guten – und die sind die Bösen. Es war nichts, was die Schwankenden oder gar Enttäuschten überzeugt. Dabei kommt es doch darauf eigentlich an!

Einmal abgesehen von der grossen Gefahr, dass die AfD aus solch einem Verbotsversuch heil und gestärkt hervorgehen könnte, einmal abgesehen davon gibt es nicht nur links und rechts, gut und böse. Es gibt auch Zwischentöne. Und die werden durch die angeheizte Polarisierung verdeckt, ja vernichtet. Ja, wehret dem Faschismus! So es denn wirklich einer ist. Bis zum Beweis gilt darum auch für die AfD: Statt brüllen und verbieten besser zuhören und argumentieren.

Alice Schwarzer ist Deutschlands bekannteste Feministin, Autorin und Journalistin. Sie publizierte zahlreiche Sachbücher, zuletzt ist von ihr erschienen: «Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Eine Streitschrift». Zudem ist sie die Herausgeberin des politischen Magazins Emma. Wir danken Frau Schwarzer für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck dieses Artikels, der zuerst in der Emma erschienen ist!

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