«Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert»: Roger Köppel im Focus-Interview über Neutralität, nationale Interessen und das charmante Raubtier Donald Trump
Suchbegriff

Die Weltwoche bietet tägliche Analysen, exklusive Berichte und kritische Kommentare zu Politik, Wirtschaft und Kultur.

Konto Anmelden
Abonnemente
Jedes Abo eine Liebeserklärung an die Meinungsvielfalt.
AboDigital
Für alle, die Online lesen wollen
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
AboPrint & Digital
Printausgabe & digital jederzeit dabei
Wöchentliche Printausgabe
Alle Artikel online lesen
E-Paper inklusive
App (iOS & Android)
Sind Sie noch nicht überzeugt? Details zu den Abos
Die Weltwoche

«Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert»: Roger Köppel im Focus-Interview über Neutralität, nationale Interessen und das charmante Raubtier Donald Trump

Anhören ( 7 min ) 1.0× +
«Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert»: Roger Köppel im Focus-Interview über Neutralität, nationale Interessen und das charmante Raubtier Donald Trump
«Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert»: Roger Köppel im Focus-Interview über Neutralität, nationale Interessen und das charmante Raubtier Donald Trump
0:00 -0:00
1.0×
100%
Mehr ▾

Roger Köppel ist wortgewaltiger Chef der Schweizer Weltwoche, sass mal im Berner Parlament und hielt gerade in Zürich eine vielbeachtete Rede zur Nation. Wie denkt er angesichts der Katastrophe von Crans-Montana über sein Land, in dem gerade vieles – von der Neutralität bis zum Umgang mit der eigenen Grossbank – auf dem Prüfstand steht?

© KEYSTONE / CYRIL ZINGARO
The entrance of the "Le Constellation" bar and lounge is pictured after the fire at the "Le Constellation" bar and lounge, in Crans-Montana, Switzerland, Monday, January 26, 2026
© KEYSTONE / CYRIL ZINGARO

Herr Köppel, was ist los mit der Schweiz? Dieses Land, das Sicherheit und Zuverlässigkeit ausstrahlt, wird von einer Reihe von Katastrophen und Störfällen heimgesucht. Das schlimme Unglück von Crans-Montana, die UBS, von der man Angst haben muss, dass sie, falls sie mal kippt, das ganze Land mitreisst – und einiges mehr. Was ist bei Euch los?

Ich ringe mit mir, solche Ereignisse richtig einzuordnen zwischen der emotionalen Schockwirkung und der eigentlichen Bedeutung. Wir müssen die verschiedenen Aspekte auseinanderhalten. Erstens ist Crans-Montana natürlich eine grauenhafte Katastrophe, die uns extrem geschockt hat. Zweitens: Hauptverantwortlich ist ein französisches Betreiberpaar, das noch nicht so lange in der Schweiz lebt. Es ist in dieses boomende Bergdorf gekommen und hat dort seine erfolgreichen Gastronomiebetriebe gegründet. Wir sehen jetzt, dass viele Vorschriften und elementare Fragen der Eigenverantwortung nicht wahrgenommen worden sind. Dann gibt es die Frage: Haben die Behörden das kontrolliert, oder haben sie es vernachlässigt? Natürlich existieren gerade in Bergdörfern Seilschaften. Das sind ja auch Sicherheits- und Überlebensmodelle. Es gab jedenfalls gravierende Missstände.

Sie heben hervor, dass es französische Betreiber waren …

… Der Fall zeigt die Tücken einer ungebremsten Zuwanderung in die Schweiz, wo das Label «Made in Switzerland» nicht mehr gewährleistet werden kann. Der Fall Crans ist für mich ein Zeichen, dass die Schweiz insgesamt verlottert. Bestimmte Werte wie Eigenverantwortung, aber auch Kontrollpflichten seitens der Behörden werden nicht mehr wahrgenommen. Darin kommt eine Wohlstandsverwahrlosung zum Ausdruck, die wir Schweizer mit einem kritischen Blick in den Spiegel zu Kenntnis nehmen müssen.

Die liberale Schweiz braucht mehr Kontrolle?

Ich gehöre sicher nicht zu denen, die sagen: Dort, wo es die meisten Regeln gibt, ist es am besten. Vielmehr gilt wohl eher das Umgekehrte: Je mehr Regeln aufgestellt werden, desto mehr Missstände gibt es.

Ich schlage mal einen Bogen: In Crans-Montana gab es offenbar ein fatales Zusammenspiel von Wirtschaft und staatlicher Kontrolle. Nun ist in der Schweiz vor zwei Jahren mit dem Untergang der Credit Suisse und unter tatkräftiger Hilfe der Politik eine riesige Bank entstanden: Die UBS ist so gross, dass sie niemals von der Schweiz allein aufgefangen werden könnte, wenn sie in eine Schieflage gerät. Wenn ich sehe, was in Crans-Montana passiert ist, mache ich mir Sorgen, dass die Schweiz auch die UBS nicht beaufsichtigen kann.

Grundsätzlich ist die Schweiz eine der erfolgreichsten Selbsthilfeorganisationen der Weltgeschichte, gerade weil das Staatsverhältnis auf der Eigenverantwortung und Freiheit der Bürger aufbaut. Der Staat wuchert nicht in alles hinein, wo er nichts zu suchen hat. Im Fall der UBS müssen wir uns die Frage stellen: Wie muss ein Staat mit einer Bank umgehen, die so erfolgreich ist, dass sie im Krisenfall zu einem Problem für das ganze Land wird?

Oder darüber hinaus.

Was ist das Modell, um eine Krise zu bewältigen? Da gibt es zwei Antworten. Die eine lautet: Wir müssen die Eigenkapitalanforderungen anheben, so dass die Bank faktisch unsinkbar, unsterblich wird. Die andere Antwort heisst: Wir müssen die Bank so auftrennen, dass jeder Bereich bankrottgehen kann, ohne dass es gleich die ganze Schweiz mitreisst. Ich neige zum Zweiten, sehe mich aber ausserstande, zu sagen, ob es im Ernstfall wirklich funktionieren würde.

Und jetzt kommt noch hinzu, dass die Bank offenbar Kunden aus Venezuela betreute, die nicht mehr so gut ins Portfolio passten.

Dass auf Schweizer Banken Geld liegt von Leuten, die einem moralisch nicht passen, mag so sein. Aber Banken sind nicht der verlängerte Arm von Politik, Finanzamt oder Polizei. Sie sind keine Moralanstalten, die zur allgemeinen Veranständigung der Welt beitragen. Viele Europäer haben ihr Geld in die Schweiz gebracht, weil sie es einfach satthatten, permanent enteignet zu werden.

Der Tourismus, die Finanzindustrie – es gibt noch einen grossen Wirtschaftszweig in der Schweiz: die Pharmaindustrie. Und die ächzt jetzt wie keine andere Branche unter den US-Zöllen. Wie soll das weitergehen?

Da rate ich zu sachlich-nüchterner Beurteilung dessen, was Trump sagt, unabhängig vom Absender. Er hat einen Punkt: Medikamente sind in den USA oft teurer als hierzulande. Und da sagt sich der Amerikaner: Um Himmels willen, was machen diese Firmen mit uns? Dank uns Amerikanern verdienen die sich eine goldene Nase, und zu Hause schauen sie, dass die Preise schön niedrigbleiben. Ich kann das als Bewunderer der Schweizer Pharmaindustrie gut nachvollziehen. Da müssen die Schweizer jetzt nicht die Hellebarde auspacken. Druck ist nichts Neues für unser Land. Wer erfolgreich ist, hat Neider, und unsere freiheitliche Staatsform ist Stachel im Fleisch von Staatsgläubigen und Möchtegerndespoten.

Es gibt noch einen Schweizer Problemfall: Nestlé, einst das Vorzeigeunternehmen und der grösste Lebensmittelhersteller der Welt, leidet unter einem schwachen Aktienkurs. Es gibt Skandale und Skandälchen, der Chef und der Verwaltungsratsvorsitzende mussten wegen interner Liebesgeschichten gehen. Ja – ist denn die Schweiz völlig verlottert?

Das müssen wir jetzt auseinanderhalten. Crans-Montana: mutmasslich kriminelle Fahrlässigkeit, und krasses Behördenversagen. UBS: ein Systemproblem. Pharma – da haben die Amerikaner einen Punkt. Nestlé: Dort gibt es offenbar ein Führungsproblem. Das ist Sache der Eigentümer, den Betrieb in Ordnung zu bringen. Nestlé, übrigens Gründung eines Deutschen, der an der Schweiz die Freiheit schätzte, ist wohl auch ein Opfer des eigenen Erfolgs. Mit Goethe: Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen. Menschen, denen es zu wohl ist, heben ab.

Und sehen sie die Schweiz auf einer abschüssigen Bahn?

Ich glaube an die Schweiz, und ich bin ein überzeugter Europäer, daher kritisch gegenüber der EU. Aber unser guter alter Kontinent ist politisch auf der abschüssigen Bahn, die Schweiz macht es in vielem besser, weil sie unabhängig ist, aber das Malaise gibt es auch bei uns. Gut, dass Trump, dieser verhaltensauffällige Amerikaner, uns den Spiegel vorhält.

Der US-Präsident hat in Davos über die Bettelei der Schweizer für niedrigere Zölle gespottet …

Seine brutale Ehrlichkeit ist mir lieber als die salonfähige Verlogenheit der Politik. Trump hat einen genialen Instinkt, die Dinge beim Namen zu nennen. Seine Kritiker regen sich vor allem deshalb so auf, weil er meistens richtig liegt. Dass er eine Schweizer Bundesrätin massregelte, kann man aushalten, er hatte ja recht. Als er sie dann in Davos traf, gab es ein grossväterliches Schulterklopfen. Das ist Trump, das charmante Raubtier. Als kleine Schweizer sollten wir uns nicht mit solchen Fleischfressern anlegen. Flexibel bleiben, Notausgänge offenhalten, so lautet die Devise.

Werden im Zeitalter der Raubtiere, wie sie es nennen, Bündnisse umso wichtiger? Oder ist die strikte Neutralität, wie sie die Schweiz zumindest nach aussen praktiziert, der bessere Weg?

Heute leben wir in einem Zeitalter der nationalen Interessen. Staaten tragen Konflikte aus, wenn sie sich bedroht fühlen. Die Russen sagen, die Nato sei ihnen in der Ukraine zu nah gekommen. Die Amerikaner sagen, wir wollen in Südamerika nicht, dass Russland und China sich an das Öl in unserem Hinterhof anschleichen. China, Inder – alle wollen ihre Sicherheitssphären kontrollieren. In dieser Zeit ist unsere bewaffnete, immerwährende Neutralität das Wichtigste. Wir mischen uns nicht in fremde Händel ein. Wir verteidigen uns nur, wenn wir selbst angegriffen werden. Das ist die Überlebensstrategie des Kleinstaats. Das heisst: Aufgepasst vor Bündnissen, die einen in einen Krieg ziehen können. Aufgepasst vor gutmenschlichem Grössenwahn! Allianzen können schnell wechseln. Das sehen wir gerade im Verhältnis zu den USA.

Das gilt auch im Ukraine-Krieg?

Diesen schrecklichen und unsinnigsten aller mir bekannten Kriege sollten wir möglichst schnell beenden. Die antirussische Dämonologie hilft da nicht weiter. Als neutraler Schweizer sage ich: schlichten statt richten. Es braucht einen Frieden, unter Berücksichtigung auch der russischen Interessen. Ich weiss, mit solchen Ansichten gewinnt man in Deutschland keinen Journalistenpreis. Europa, dieser Friedhof gescheiterter Grossmächte, sollte nicht an seiner «Kriegstüchtigkeit» arbeiten, sondern an seiner Friedensfähigkeit mit einem brandmauerfreien Deutschland als Brücke der Verständigung zwischen West und Ost, Nord und Süd, eine grosse Schweiz sozusagen, die sich wirtschaftlich nicht selbst zerlegt, sondern ihre beeindruckende Tüchtigkeit und Vielfalt als Trumpfkarte wieder weltweit ausspielt.

Dieses Gespräch erschien zuerst auf dem Onlineportal Focus. Das Gespräch führte Autor Oliver Stock.

Abonnement
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Zahlungsart
4. Abo prüfen
1. Start
2. Ihre Angaben
3. Abo prüfen
Startdatum: 01.04.2026
Mit der Bestellung akzeptieren Sie unsere AGBs.
Ihre Angaben
  • Dieses Feld dient zur Validierung und sollte nicht verändert werden.
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
  • Dieses Feld wird bei der Anzeige des Formulars ausgeblendet
    (Newsletter kann jederzeit wieder abbestellt werden)

Netiquette

Die Kommentare auf weltwoche.ch/weltwoche.de sollen den offenen Meinungsaustausch unter den Lesern ermöglichen. Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass in allen Kommentarspalten fair und sachlich debattiert wird.

Das Nutzen der Kommentarfunktion bedeutet ein Einverständnis mit unseren Richtlinien.

Scharfe, sachbezogene Kritik am Inhalt des Artikels, an Protagonisten des Zeitgeschehens oder an Beiträgen anderer Forumsteilnehmer ist erwünscht, solange sie höflich vorgetragen wird. Wählen Sie im Zweifelsfall den subtileren Ausdruck.

Unzulässig sind:

  • Antisemitismus / Rassismus
  • Aufrufe zur Gewalt / Billigung von Gewalt
  • Begriffe unter der Gürtellinie/Fäkalsprache
  • Beleidigung anderer Forumsteilnehmer / verächtliche Abänderungen von deren Namen
  • Vergleiche demokratischer Politiker/Institutionen/Personen mit dem Nationalsozialismus
  • Justiziable Unterstellungen/Unwahrheiten
  • Kommentare oder ganze Abschnitte nur in Grossbuchstaben
  • Kommentare, die nichts mit dem Thema des Artikels zu tun haben
  • Kommentarserien (zwei oder mehrere Kommentare hintereinander um die Zeichenbeschränkung zu umgehen)
  • Kommentare, die kommerzieller Natur sind
  • Kommentare mit vielen Sonderzeichen oder solche, die in Rechtschreibung und Interpunktion mangelhaft sind
  • Kommentare, die mehr als einen externen Link enthalten
  • Kommentare, die einen Link zu dubiosen Seiten enthalten
  • Kommentare, die nur einen Link enthalten ohne beschreibenden Kontext dazu
  • Kommentare, die nicht auf Deutsch sind. Die Forumssprache ist Deutsch.

Als Medium, das der freien Meinungsäusserung verpflichtet ist, handhabt die Weltwoche Verlags AG die Veröffentlichung von Kommentaren liberal. Die Prüfer sind bemüht, die Beurteilung mit Augenmass und gesundem Menschenverstand vorzunehmen.

Die Online-Redaktion behält sich vor, Kommentare nach eigenem Gutdünken und ohne Angabe von Gründen nicht freizugeben. Wir bitten Sie zu beachten, dass Kommentarprüfung keine exakte Wissenschaft ist und es auch zu Fehlentscheidungen kommen kann. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Recht darauf, dass ein Kommentar veröffentlich wird. Über einzelne nicht-veröffentlichte Kommentare kann keine Korrespondenz geführt werden. Weiter behält sich die Redaktion das Recht vor, Kürzungen vorzunehmen.