Während der Gaza-Konflikt weltweit enorme Aufmerksamkeit bindet, geraten Morde an Christen in Afrika nahezu vollständig aus dem Blick. Sehr zu Unrecht: Denn zwischen 2021 und 2024 wurden weltweit nach vorsichtigen Schätzungen mehr als 20.000 Christen wegen ihres Glaubens ermordet – ein Grossteil von ihnen in Afrika, vor allem in Nigeria.
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Dieses Jahr brachte keine Besserung. Unabhängige konservative Analysen gehen für 2025 von rund 3.000 bis 4.000 getöteten Christen in Afrika aus, während nigerianische Menschenrechtsgruppen für Nigeria allein bis zu 7.000 christliche Todesopfer in den ersten sieben Monaten 2025 melden.
Verlässliche Gesamtzahlen gibt es allerdings nicht; die internationale christliche Hilfsorganisation «Open Doors» berichtet, dass die Dunkelziffer hoch sei.
Hinweise aus Nigeria, der Demokratischen Republik Kongo, Mosambik und Mali zeichnen ein alarmierendes Bild: Christliche Gemeinschaften in mehreren Regionen Afrikas stehen unter massivem Druck durch jihadistische Gruppen, deren Gewaltstrategien von systematischer Vertreibung bis hin zu gezielter Ermordung reichen.
Im November stufte US-Präsident Trump Nigeria zwar erneut als «Country of Particular Concern» ein – zu Deutsch: Land von besonderem Interess – und drohte mit einem Militärschlag, falls das Land weiterhin die Tötung von Christen zulasse. Während aber das Geschehen in Gaza täglich auf den Titelseiten steht, herrscht Schweigen, wenn es um Afrika geht – in den Medien wie in der Politik.
Nicht das Leid der Opfer ist zu gering, sondern die Logik unserer Aufmerksamkeit. Gaza bietet ein perfektes Narrativ: klare Fronten, globale Symbolik, internationale Diplomatie rund um die Uhr.
Nigeria, Kongo oder Mosambik dagegen sind die dunklen Zonen der Weltpolitik: weit entfernt, verworren, schwer zu erklären. Kaum eine Redaktion investiert die notwendigen Ressourcen, um jahrzehntelange Konflikte zwischen Hirten und Bauern aufzudröseln, Milizen zu verfolgen, die sich alle paar Monate spalten und unter neuem Namen wieder auftauchen, oder zu beschreiben, warum Islamisten im Kongo Zivilisten meucheln und gleichzeitig Gold schmuggeln. Die Komplexität erzeugt Schweigen.
Hinzu kommt eine politisch heikle Dimension: Das Thema Christenverfolgung gilt im Westen als vermint, weil man die Täter nennen müsste: Radikale islamistische Terrorgruppen. Sie gehören in zahlreichen Regionen zu den Hauptakteuren der Gewalt: Boko Haram in Nigeria, Kamerun, dem Tschad und Niger attackiert gezielt Kirchen und christliche Dörfer – und ist für zahlreiche Entführungen verantwortlich.
Dass Christen in manchen Regionen gezielt angegriffen werden, hat mehrere Gründe: Extremistische Ideologien betrachten sie als Feinde oder als Symbol westlicher Einflüsse, politische Instabilität schafft Rückzugsräume für Terrorgruppen, ethnische Konflikte werden religiös überzeichnet.
So entsteht eine paradoxe Moralgeografie: Die einen Konflikte erregen Empörung im Stundentakt, die anderen versinken im Rauschen vermeintlicher Unwichtigkeit. Als ob Gewalt weniger schmerzen würde, sobald sie abseits der geopolitischen Hauptadern geschieht.