Tarija
Das Resultat der provisorischen Stimmenzählung lässt keine Zweifel offen: Rodrigo Paz hat am Sonntag mit neun Prozentpunkten Vorsprung (54,5 vs. 45,5 Prozent) die Stichwahl gegen Jorge «Tuto» Quiroga gewonnen. Beide Kandidaten ordnen sich selber rechts der politischen Mitte ein. Beide wollen die Wirtschaft liberalisieren, die Beziehungen zu den USA und der internationalen Finanzwelt wieder normalisieren. Doch während Quiroga sich eher am libertären argentinischen Modell von Javier Milei orientiert, versprach Paz eine graduelle Öffnung der Märkte.
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Tatsächlich hat Bolivien gar keine Wahl. Nach zwei Jahrzehnten Evo-Sozialismus ist das Andenland bankrott, wirtschaftlich wie moralisch. Bolivien fehlen die Devisen für den Import von Treibstoff, Medikamenten und Grundnahrungsmittel. Rien ne va plus, das Land steht vor dem Abgrund. Das jährliche Staatsdefizit beläuft sich auf rund 10 Prozent des Bruttosozialprodukts, die Inflation bewegt sich im zweistelligen Bereich, niemand leiht Bolivien noch Geld oder würde im Land investieren. Die Staatkassen sind leer, die sozialistische Regierung unter Luis Arce hat sich in der Not an den privaten Ersparnissen und Pensionskassengeldern seiner Bürger vergriffen. Die Defizite der durch und durch korrupten Staatsbetriebe haben diese Milliardenbeträge längst ohne Mehrwert aufgefressen.
Dank einem Erdrutschsieg der politischen Rechten in den bereits im August neugewählten Parlamenten sollte die neue Regierung, die bereits in drei Wochen antritt, den für tiefgreifende Reformen nötigen Rückhalt haben. Im Senat sind die Sozialisten überhaupt nicht mehr vertreten, im Repräsentantenhaus belegen sie noch 10 von 130 Sitzen. Doch die grosse Herausforderung liegt bei den Institutionen, allen voran der Justiz, aber auch bei der Armee und der Verwaltung, die noch von Evos Sozialisten kontrolliert werden. Und diese geben ihre Pfründe und Privilegien nicht kampflos auf. Der wegen Sex mit Minderjährigen zur Verhaftung ausgeschriebene Evo Morales, der sich bei den Narcos im Amazonas verschanzt hat, verfügt zudem immer noch über seine Schlägertruppen, welche das ganze Land mit Strassenblockaden in der Vergangenheit oft monatelang lahmlegten.
Einiges weist darauf hin, dass viele von Evos Parteigängern diskret ins Lager von Rodrigo Paz gewechselt sind, den sie in der Stichwahl mehr oder weniger offen unterstützt haben. Viele mutmassen, dass der gewählte Vizepräsident Edman Lara als trojanisches Pferd von Evo Morales in die Regierung eingeschmuggelt wurde. «Capitán Lara», ein ehemaliger Polizist, der als Tiktoker bekannt geworden ist und sich als gnadenloser Kämpfer gegen die Korruption profiliert, ist ein politisch unbeschriebenes Blatt, ein begnadeter Demagoge, der jede ideologische Einordnung peinlichst meidet. Und er lässt sich ungeniert als der eigentliche Wahlsieger feiern – gemäss Umfragen durchaus zu Recht: Ohne den Antipolitiker «Capitán Lara» hätte Paz den Wahlsieg niemals geschafft.

Sicher ist, dass die neue Regierung ein hochtoxisches Erbe antritt. Die unausweichlichen Reformen werden die Rezession in einer ersten Phase voraussichtlich noch verschärfen, die Privatisierungen und unpopulären Sparmassnahmen werden ihre Opfer fordern im ärmsten Land Südamerikas. Immerhin scheint Bolivien, das kurz davor stand, unwiderruflich zu einer sozialistischen Narco-Diktatur nach venezolanischer Machart zu verkommen, die Kurve kurz vor dem Abgrund noch geschafft zu haben. Fürs Erste zumindest. Der socialismo del siglo XXI hat definitiv jeden Glanz verloren.