Es ist Samstagmorgen, Simchat Tora. In Israel ist das normalerweise ein Tag der Freude, ein Feiertag mit Tanz, Gesang und festlichem Gebet. Doch nicht an diesem 7. Oktober. Schrille Sirenen reissen uns früh morgens aus dem Schlaf. Raketenalarm. In Tel Aviv, in den Kibbuzim und Städten entlang des Gazastreifens – überall heulten sie gleichzeitig.
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Zuerst dachte ich, es sei «nur» ein weiterer Raketenbeschuss, wie es sie so oft gibt. Man geht in den Schutzraum, wartet, und das Leben geht weiter. Doch diesmal war es anders. Bald wurde klar: Dies ist kein «gewöhnlicher» Angriff.
Mein Telefon begann unaufhörlich zu vibrieren. Bekannte schickten Fotos aus dem Süden, kurze Clips, die kaum zu begreifen waren. Zu sehen und zu hören waren Arabisch sprechende Männer mit Kalaschnikows, die durch israelische Dörfer rannten. Häuser in Flammen. Und dann die ersten Bestätigungen: Hamas-Terroristen waren über den Grenzzaun gekommen und hatten ganze Ortschaften überrannt.
Kibbuz Be’eri, Kfar Aza, Nir Oz, Sderot – Namen, die sich in mein Gedächtnis brannten. Nachrichten von Massakern, von Menschen, die in ihren Häusern erschossen wurden. Kinder, Alte, ganze Familien.
Während ich versuchte, die Bilder zu verarbeiten und zu verstehen, welche Dramen sich da gerade im Süden Israels abspielten, kamen neue Zahlen: Dutzende, dann Hunderte Tote. Im Laufe der nächsten Tage wurde die Zahl der Ermordeten auf 1200 korrigiert. Es war das grösste Massaker an Juden seit dem Holocaust. Die Hamas filmte sich dabei, wie sie mit mehreren Dutzend Israelis auf ihren Pick-ups oder Motorrädern davonfuhren, sie in den Gazastreifen entführten. Später erfuhren, dass die Hamas insgesamt 250 Menschen als Geiseln verschleppt hatte.
In den Städten herrschte gespenstische Stille. Niemand wusste, wo die nächste Attacke geschehen würde. Überall bewaffnete Soldaten, die Reservisten strömten an die Front. Söhne meiner Freunde erhielten innerhalb von Stunden den Befehl, in ihre Einheiten einzurücken. Andere warteten nicht darauf, sondern eilten auf eigene Faust in den Süden, um dort die Angriffe der Hamas abzuwehren.
Später erfuhren wir, welche Szenen des Grauens sich bei der Invasion abgespielt hatten. Gefunden wurden später Leichen, bei denen Fremdkörper in die Genitalien eingeführt worden waren, ebenso wie Körper mit Anzeichen schwerer Genitalverstümmelungen. Die Körper waren oft so stark entstellt, dass sie nur mit Hilfe von DNA-Proben identifiziert werden konnten. Mehrere Opfer – überwiegend Frauen – wurden an verschiedenen Orten vollständig oder teilweise unterhalb der Taille entkleidet aufgefunden, häufig mit gefesselten Händen und Schusswunden, die oftmals Kopf oder Genitalbereich betrafen.
Leichen wurden entdeckt, die an Strukturen, Bäumen oder Pfählen festgebunden waren. Oder leblose Körper, die am Boden lagen, mit gespreizten Beinen und entblössten Genitalien. Die Hamas war stolz auf ihre Gräueltaten. Einer der Terroristen sagte am Telefon: «Mutter, dein Sohn ist ein Held! … Ich habe zehn Juden mit eigenen Händen getötet … Ihr Blut klebt an meinen Händen.»
Auf Videos hielten die Terroristen die Entführung der Geiseln fest. Frauen, Kinder und Babys, junge Menschen, auf Motorrädern verschleppt, in Pick-ups verladen. Dann wurden sie durch Gaza gezerrt, zum Gaudi der Bevölkerung. Später würde ich ihre Gesichter auf Plakaten mit der Forderung sehen: «Bring them home». Aber niemand wusste, ob und wie viele noch leben.
Sie litten Höllenqualen, wie eine der freigelassenen Geiseln bezeugt. Eli Sharabi war insgesamt 491 Tage in Gefangenschaft. Während dieser Zeit litt er unter schwerem Hunger, körperlicher Misshandlung und Ketten, die sich tief in seine Haut schnitten. Seine Frau Lianne und die beiden Töchter Noiya und Yahel waren bereits beim Hamas-Angriff getötet worden – eine Tatsache, von der er jedoch erst nach seiner Freilassung erfuhr. Auch sein Bruder Yossi wurde entführt und in der Gefangenschaft getötet.
Sharabi brachte bei seiner Rückkehr nur noch 44 Kilogramm auf die Waage. Darüber hinaus schilderte er, wie die Hamas Hilfslieferungen stahl: Er selbst habe gesehen, wie Kämpfer Pakete mit UN-Emblemen in Tunnel trugen, während die Geiseln hungerten.
Seit jenem schwarzen Samstag sind zwei Jahre vergangen. Er hat Israels Gesellschaft, seine Politik, seine Beziehungen zur Welt und zu den Nachbarn verändert.