Der französische Präsident Emmanuel Macron hat Europa zu einem strategischen Neuanfang aufgefordert – und dabei auch Russland ins Spiel gebracht. «Es muss möglich sein, den Dialog mit Russland wiederaufzunehmen», sagte Macron in einem Interview mit mehreren europäischen Tageszeitungen, darunter der Süddeutschen Zeitung.
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Europa könne es sich nicht länger leisten, sicherheits- und wirtschaftspolitische Entscheidungen zu delegieren. «Unsere geografische Lage wird sich nicht ändern. Ob wir Russland mögen oder nicht, es wird auch morgen noch da sein», so der französische Staatschef weiter.
Die lange geglaubte Stabilität durch US-Schutz, billige Energie und globalisierte Märkte sei vorbei, so Macron. Die Vereinigten Staaten seien «zunehmend unberechenbar», China ein «aggressiver Konkurrent» und Russland «kein verlässlicher Partner» mehr. Europa stehe deshalb vor der Wahl, entweder eigenständig zu handeln oder sich politisch und wirtschaftlich marginalisieren zu lassen.
Besonders deutlich wurde Macron bei der wirtschaftlichen Lage: Europa habe seine Märkte geöffnet, während andere Mächte ihre Industrien schützten. Deutschland diene ihm hier als warnendes Beispiel – die frühere Exportstärke sei eingebrochen, der Kontinent erlebe eine «beschleunigte Deindustrialisierung».
Der Präsident forderte eine aktivere Industriepolitik, gezielte Schutzmechanismen und gemeinsame europäische Investitionen. Nationale Haushalte reichten für die anstehenden Aufgaben – Verteidigung, Schlüsseltechnologien, Infrastruktur – nicht mehr aus. Gleichzeitig wandte er sich gegen eine Vergemeinschaftung alter Schulden. Es gehe nicht um Umverteilung, sondern um strategische Handlungsfähigkeit.