Kaum hat die israelische Armee weite Teile des Gazastreifens geräumt, sorgt die rasche Wiederkehr der Hamas für Entsetzen: Ihre bewaffneten Einheiten patrouillieren erneut durch Gaza-Stadt und Chan Yunis, errichten Kontrollposten und schaffen ein Klima offener Einschüchterung. Was manche Beobachter als Chance für Stabilisierung und humanitäre Versorgung erwartet hatten, verwandelt sich nach dem Abzug der israelischen Streitkräfte (IDF) in eine Phase der Machtsicherung – mit gezielten Repressionen gegen vermeintliche Gegner, mit politischen Säuberungen und mit blanker Gewalt gegen Zivilpersonen.
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Reporter und Hilfsorganisationen berichten von Verhaftungen, Exekutionen mutmasslicher Kollaborateure und von Einschüchterung gegen Helfer. Opfer sind oft jene, die während der Offensive neutral blieben oder schlicht überleben wollten. Die Erklärung der Hamas-Präsenz als «Sicherheitsmassnahme» verschleiert aber, dass die Terrorgruppe wieder als autoritäre, islamistische Macht zurückkehrt und die zivile Kontrolle übernimmt. Anstatt Prioritäten auf Wiederaufbau, Bildung und Gesundheitsversorgung zu setzen, fliessen Ressourcen in die interne Überwachung der Bevölkerung, Propaganda und militärische Wiederaufrüstung.
Der Wiederaufbau, sagt der Ökonom Omar Shaban aus Gaza, sei weniger eine technische als vielmehr eine politische Frage. «Ohne eine neue, glaubwürdige Führung bleibt jede internationale Hilfe wirkungslos.»
Die Hamas nutzt die Knappheit an Nahrungsmitteln politisch, um Abhängigkeiten zu schaffen und ihre Kontrolle zu verfestigen. Besonders zynisch ist der Umgang mit den Leichnamen israelischer Geiseln: Anstatt internationales Protokoll zu achten und Übergaben an das Rote Kreuz zu gestatten, instrumentalisiert die Gruppe Tote als Verhandlungsmasse – ein moralischer Tiefpunkt, der humanitäres Völkerrecht und die Würde der Opfer missachtet.
Israels Reaktion bleibt bislang vorsichtig. Zwar gab es gezielte Gegenschläge nach wiederholtem Beschuss israelischer Stellungen, doch die Regierung in Jerusalem betont die Bedeutung der bestehenden Waffenruhe, nicht zuletzt auf Druck von US-Präsident Trump. In der öffentlichen Debatte jedoch wächst die Kritik: Der Abzug der IDF habe der Hamas faktisch die Möglichkeit geschenkt, ihr Depressionsregime wiederaufzubauen. Viele Israelis empfinden die Lage als Bestätigung eines längerfristigen Problems: Wo israelische Militärpräsenz nachlässt, entsteht schnell ein Vakuum, das nicht von pluralen, zivilen Institutionen, sondern von autoritären Milizen gefüllt wird.
Politisch bleibt die internationale Gemeinschaft ratlos. In den Vereinten Nationen und bei westlichen Regierungen wird über eine Übergangsverwaltung diskutiert; konkrete Schritte fehlen. Die Palästinensische Autonomiebehörde ist geschwächt, arabische Nachbarn zeigen Zurückhaltung, und die Hamas blockiert externe Eingriffe – nicht im Namen der Schutzbedürftigen, sondern um die eigene Macht nicht zu gefährden.
Die Folge ist eine doppelte Tragik: Die Bevölkerung in den Ruinen lebt weiter in Armut und Furcht, und die politische Perspektive bleibt vernebelt. Der Krieg mag für manche eine Pause haben, doch für viele Bewohner bedeutet der Abzug der IDF nur einen Wechsel der Bedrohung – von der Bombardierung zur Herrschaft durch maskierte Milizionäre.
So erscheint der Gazastreifen heute nicht als befreites, sondern als zurückgefallenes Gebiet: in eine Ordnung, die Freiheit im Namen des Widerstands unterdrückt. Die eigentliche Tragik liegt darin, dass die Hamas den bewaffneten Konflikt überlebt hat – und ihn jetzt gegen die eigene Bevölkerung weiterführt.