Elon Musk unterstützte die Republikaner und Donald Trumps Wahlkampf im letzten Jahr mit einer Rekordsumme von 288 Millionen Dollar. Daraufhin war Musk das Gesicht des neugeschaffenen Effizienz-Departements Doge der amerikanischen Regierung. Wie geplant, gab Musk Ende Mai den Posten wieder ab. Seither kühlt die Beziehung zwischen Musk und Trump ab.
New York State Sex Offender Registry via AP
Gestern notierte Musk auf seinem Social-Media-Dienst X: «Es ist Zeit, die richtig grosse Bombe platzen zu lassen. Trump ist in den Epstein-Files. Das ist der wahre Grund, warum sie nicht veröffentlicht worden sind. Hab einen schönen Tag, DJT». DJT steht für Donald J. Trump.
Bei den Epstein-Files handelt es sich um die Gerichtsdokumente im Fall Jeffrey Epstein (1953–2019). Der US-Milliardär wurde 2019 angeklagt, weil er einen Ring zur sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen betrieben haben soll. Noch vor Prozessbeginn beging Epstein in seiner Zelle Selbstmord.
Vor gut einem Jahr wurde ein Teil der Gerichtsdokumente freigegeben. Sie enthielten unter anderem Namen von 180 Menschen, die Verbindungen zu Epstein und dessen Ex-Freundin Ghislaine Maxwell gehabt haben sollen. Auch Donald Trump wurde genannt, ein Fehlverhalten wird ihm aber nicht vorgeworfen. Trumps Justizministerin Pam Bondi veröffentlichte im Februar 2025 weitere Akten, die zu den Epstein-Files zählen. Falls es die von Musk erwähnte «Bombe» gibt, befindet sie sich also in bislang unveröffentlichtem Material. Dieses halte das FBI aber noch unter Verschluss, heisst es vom amerikanischen Justizministerium.
Die «Eppstein-Saga» veröffentlichten wir 2019 nach dem Tod Jeffrey Eppsteins. Die Investigativ-Journalistin Conchita Sarnoff beschrieb das Leben und den Fall des Geschäftsmannes. Die im Text erwähnte Ghislaine Maxwell wurde 2021 wegen Verführung von Minderjährigen und Handel mit Kindern sowie der Rekrutierung von Minderjährigen für sexuelle Handlungen für Eppstein verurteilt. Sie erhielt eine Gefängnisstrafe von zwanzig Jahren. Die im Artikel ebenfalls genannte Zeugin Virginia Roberts Giuffre nahm sich im April dieses Jahres mit 41 das Leben. Den Text, der in der Weltwoche-Ausgabe vom 29. August 2019 erschienen ist, lesen Sie hier:
Der New Yorker Investor Jeffrey E. Epstein war ein Mann wie kaum ein anderer – schlau, ambitioniert und etwas unreif, ein Multimillionär mit einer Begabung für Musik und Zahlen. Gefangen in seiner Vorliebe für sexualisierte Massagen von minderjährigen Mädchen, umgab er sich die meiste Zeit seines Erwachsenenlebens mit mächtigen Freunden, schönen Mädchen und einflussreichen Politikern. Dank seinen grosszügigen politischen Spenden und kostspieligen Zuwendungen hatte er einiges zu bieten. Zwei sehr enge Freunde, die britische Gesellschaftsdame Ghislaine Maxwell und der Milliardär Leslie Wexner, verschafften ihm im Lauf der Jahre Zugang zu den Reichen und Mächtigen. Maxwell, die als Epsteins «Beschützerin, Zuhälterin und Madame» bezeichnet wird, soll minderjährige Mädchen für seinen Sexring rekrutiert haben.
In den frühen 1990ern lernte ich Epstein über einen gemeinsamen Bekannten in meinem Haus in Connecticut kennen. Der Bekannte lud ihn zu mir ein. Die beiden tauchten unangemeldet bei mir auf. Nach dieser ersten Begegnung lief ich ihm in New York einige Male über den Weg. 1993 zog ich mit meinen Kindern nach Europa.
Was genau bot Epstein diesen Männern?
Zwischen 1993 und 2004 sah ich Epstein bei verschiedenen Anlässen und Abendgesellschaften. So entwickelte sich eine Bekanntschaft zwischen uns. Nachdem er Ghislaine Maxwell in New York nach dem Tod ihres Vaters (dem britischen Verleger, Unternehmer und Labour-Politiker Robert Maxwell) begegnet war, sahen wir uns öfter. Ich vermute, das Schicksal wollte es so. Aber nicht aus den Gründen, die Sie jetzt erwarten.
Epstein war charmant und hatte eine genaue Vorstellung von seinen Opfern. Mehrere Frauen berichteten mir davon, und Gerichtsakten bestätigten das. Haley Robson, eine seiner wichtigsten Mädchenbeschafferinnen im Jahr 2005, die vor Epsteins erster Verhaftung in Palm Beach verhört wurde, sagte, sie habe nach strikten Kriterien vorgehen müssen: Die Mädchen mussten blutjung sein, minderjährig, hellhäutig, aus unterprivilegierten Familien kommen und, falls sie auspacken würden, einen unglaubwürdigen Eindruck machen.
Die erste Zeugin, die gegen Epstein aussagte, bestätigte dies. Das Mädchen, damals erst vierzehn, wurde von Haley Robson instruiert, sich gegenüber Epstein als Achtzehnjährige auszugeben. Robson wusste auch, dass das Mädchen eine Sonderschule besuchte und aus einer kaputten Familie kam. Als ich diese über ihr erstes Treffen befragte, sagte sie, sie habe nicht älter als vierzehn ausgesehen. «Ich war ein kleiner Spatz. Ich hatte keine Brüste und sah nicht wie achtzehn aus.»
Epstein, kinderlos und zeitlebens Junggeselle, starb am 10. August 2019 in der Untersuchungshaft – nur 35 Tage nach seiner Verhaftung wurde er bewusstlos in seiner Zelle aufgefunden. Seitdem spekulieren viele Medien über die Todesursache, auch darüber, wer aus welchem Grund ein Interesse an seinem Tod gehabt haben könnte. Angesichts seiner Kontakte zu Unternehmern und Politikern könnte es Leute geben, denen daran lag, dass es nicht zu einem Prozess kommt.
Zeuginnen, die gegen Epstein aussagten, haben die Namen einflussreicher Männer zu Protokoll gegeben: Prinz Andrew, Herzog von York und Nummer acht in der britischen Thronfolge, der ehemalige israelische Ministerpräsident Ehud Barak, der frühere US-Präsident Bill Clinton, der ehemalige Gouverneur von New Mexico Bill Richardson, der einstige Präsident der Harvard University, Larry Summers, der Harvard-Juraprofessor Alan Dershowitz und andere.
Was genau bot Epstein diesen Männern, dass sie ihm ihre Aufmerksamkeit und ihre Zeit schenkten? Sie konnten mit seinem Privatjet um die Welt fliegen, er lud sie zu Treffen mit jungen hübschen Mädchen ein, beriet sie in Finanzdingen und stellte Investitionskapital zur Verfügung. Nachdem Präsident Clinton aus dem Weissen Haus ausgezogen war, investierte Epstein vier Millionen Dollar Startkapital in die neugegründete Stiftung der Clintons, die Clinton Global Initiative (CGI).
Anfang 2004 investierte er drei Millionen Dollar in mehrere Unternehmen von Ehud Barak, darunter die Hightech-Firma Carbyne. Barak soll häufig in Epsteins New Yorker Stadtresidenz in der East 66th Street logiert haben. Er war, wie Präsident Clinton, häufig Gast in Epsteins Jet und in Epsteins Anwesen auf dessen Privatinsel und in Manhattan.
«Riesengrosse Dummheit»
Zwischen Epstein und Prinz Andrew bestand eine persönliche und geschäftliche Beziehung. Epstein war offenbar eine Zeitlang Finanzberater des Herzogs von York. Sarah Ferguson, die Ex-Frau von Prinz Andrew, entschuldigte sich 2011 öffentlich für die «riesengrosse Dummheit», ein Darlehen über 15 000 Pfund angenommen zu haben. Laut Medienberichten benötigte die Herzogin das Geld für private Ausgaben. Da ihr Mann wissen musste, wie toxisch Epstein war, stellt sich die Frage, warum er zuliess, dass Epstein das Geld beschaffte und ihre enge Beziehung auf diese Weise bekanntwerden musste.
Die Beziehung zwischen Prinz Andrew und Epstein, ohnehin schon belastet aufgrund der Negativschlagzeilen, endete offenbar im Januar 2015, als der Buckingham-Palast während des Weltwirtschaftsforums in Davos zu einer Pressekonferenz einlud. Prinz Andrew bezeichnete die Vorwürfe des Kindesmissbrauchs, die Virginia Louise Roberts Jahre zuvor gegen ihn erhoben hatte, als unzutreffend und bestritt kategorisch, jemals eine sexuelle Beziehung mit Roberts gehabt zu haben.
Im April 2016, während des erbitterten US-Präsidentschaftswahlkampfs, reichte eine Frau namens Katie Johnson Klage gegen Jeffrey Epstein und den Kandidaten Donald Trump ein. Sie forderte 100 Millionen Dollar Schadenersatz. Sie gab an, sie sei dreizehn gewesen, als sie den beiden Männern auf einer Party in New York begegnete. Sie behauptete auch, in Epsteins Haus in Manhattan geschlagen und von beiden Männern sexuell bedrängt worden zu sein. Die Sache wurde wegen formaler Fehler von einem Gericht in Lancaster, Kalifornien, abgewiesen.
Im September 2016 reichte Johnson erneut Klage ein, diesmal in New York. Ihr Anwalt, Thomas Francis Meagher, war Patentanwalt in Princeton, New Jersey. Am 4. November 2016 wurde die Klage vor dem Southern District Court von New York freiwillig zurückgezogen.
Epstein unterhielt nicht nur zu einflussreichen Politikern geschäftliche Beziehungen. Er hatte enge Kontakte zu führenden Managern von Banken wie etwa JP Morgan Chase und (bis 2019) der Deutschen Bank. Im Fall von JP Morgan Chase wurde schon 2008, nach Epsteins Verhaftung, intern geprüft, zu welchen Klienten man die Geschäftsbeziehungen abbrechen sollte. Epstein erschien auf dieser Liste als «hochriskant».
Ein Topmanager verwarf die Empfehlung der Kontrollabteilung, und die Zusammenarbeit mit Epstein ging noch einige Jahre weiter. Der Grund: Epstein war für die Bank wegen seiner Kontakte wertvoll, nicht wegen seines Vermögens. Man war an Kunden interessiert, die er der Bank vermitteln konnte.
Als Highbridge Capital Management, im Besitz seines Freunds Glenn Dubin, an JP Morgan Chase verkauft wurde, erhielt Epstein von Highbridge offenbar fünfzehn Millionen Dollar für die Kontaktanbahnung. JP Morgan Chase beendete die Beziehung zu Epstein im Jahr 2013.
Andere Freunde, die mit Epstein Geschäfte machten, waren Leon Black, der Gründer von Apollo Global Management, und James E. Staley, eine prominente Figur an der Wall Street, derzeit Vorstandsvorsitzender der britischen Bank Barclays. Beide Männer traten in den 1990ern in Epsteins Leben. Von der Beziehung zwischen Staley und Epstein ist nur so viel bekannt, dass Epstein ihn während dessen Zeit bei JP Morgan Chase einigen reichen Kunden vorstellte. Staley war auch ein häufiger Besucher von Epstein, als dieser 2008 zum ersten Mal in Palm Beach inhaftiert war.
Testosteron-Blocker für Pädophile
Laut Leon Black, der als Gründer einer der grössten Private-Equity-Firmen der Welt gilt, stand Epstein seiner Familie jahrelang als Berater in Steuerfragen zur Verfügung. Ein Geschäftspartner, der Epstein um die Mitte der 1990er kennenlernte, war Glenn Dubin, Chef der privaten Investmentfirma Dubin & Co. und Gründer von Highbridge. Dubin ist ausserdem Mitbegründer der in New York ansässigen Robin Hood Foundation. 1994 heiratete er Epsteins Ex-Freundin, die Ärztin und Miss Schweden 1980 Eva Andersson.
Andersson hatte Medizin am angesehenen Karolinska-Institut in Stockholm studiert. Interessanterweise wurden in diesem Forschungskrankenhaus kürzlich Testversuche für einen Testosteron-Blocker eines Schweizer Pharmaunternehmens durchgeführt, der bei der Therapie von Pädophilen eingesetzt werden sollte. In den USA ist die Verwendung von Testosteron-Blockern bei Häftlingen und Patienten verboten, doch mit Blick auf die langfristigen Auswirkungen von Pädophilie sollte eine sorgfältige Neubewertung des Medikaments erwogen werden.
Im Jahr 2003 fungierten Harvey Weinstein und Jeffrey Epstein als Investoren bei dem erfolglosen Versuch, das New York Magazine zu kaufen. Ein bekannter Hollywoodproduzent und Freund von Epstein sagte, dieser habe Weinstein und andere Produzenten auch bei diversen Filmprojekten diskret finanziell unterstützt. Genauere Details wollte er nicht nennen, aber er meinte, dass Hollywood aus ebendiesem Grund die Finger von der Epstein-Story liess, die ich 2010 im Daily Beast publik gemacht hatte.
Begabter Pianist, gut mit Zahlen
Seit seiner Verhaftung im Jahr 2005 und seiner anschliessenden Anklage im Jahr 2007 waren die Mainstream-Medien davon abgehalten worden, den Umfang des Epstein-Strafverfahrens offenzulegen, einschliesslich der Identifizierung hochkarätiger Personen, die in die Geschichte verwickelt sind.
Nach dem mutmasslichen Selbstmord wurde Epstein am 10. August um 6.30 Uhr im Metropolitan Correctional Center (MCC), einem Hochsicherheitsgefängnis, für tot erklärt. Im selben Trakt, nur drei Zellen entfernt, hatte Joaquín «El Chapo» Guzmán, der berüchtigte mexikanische Drogenbaron, eingesessen.
Eine Foto, am frühen Morgen aufgenommen, zeigt Epstein auf einer fahrbaren Trage, die von vier Sanitätern der New Yorker Feuerwehr aus dem Gefängnis geschoben wird. Epstein war in dem Moment offenbar noch am Leben. Er hatte eine Sauerstoffmaske auf dem Gesicht, und er lag nicht in einem Leichensack, wie sonst üblich, wenn ein Gefangener in der Haft stirbt.
Nur einen Monat zuvor, am Samstag, dem 6. Juli 2019, war Epstein unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Paris ein zweites Mal verhaftet worden. Während er, noch an Bord seiner G550, in Teterboro, einem Privatflughafen in New Jersey, auf die Zollabfertigung wartete, umstellten mehrere Beamte von FBI und Grenzpolizei sein Flugzeug und nahmen ihn fest. Anschliessend wurde er in das MCC gebracht, wo ihm die Anklage (Kindersexhandel) verlesen wurde. Bei seiner richterlichen Vernehmung am darauffolgenden Montag, dem 8. Juli 2019, wurde Haftverschonung abgelehnt.
Epstein, geboren am 20. Januar 1953 auf Coney Island, wuchs in einer Familie der Mittelschicht auf. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Mark verbrachte er seine Kindheit in der kleinen Siedlung Sea Gate am äussersten westlichen Ende von Coney Island. Er besuchte mehrere staatliche Schulen – Public School 188, Mark Twain Junior High School und Lafayette High School, wo er als Sechzehnjähriger den Abschluss machte, zwei Jahre vor dem in den USA üblichen Alter. Schon früh hatte er sich als begabter Pianist erwiesen und als jemand, der gut mit Zahlen umgehen konnte.
Die beiden Brüder hatten ein enges Verhältnis. Ihr Vater, Seymour G. Epstein, war Gärtner im Dienst des New York City Department of Parks and Recreation, die Mutter Pauline war Hausfrau. Es waren keine privilegierten Verhältnisse, in die Epstein hineingeboren wurde. Als junger Mann besuchte er zwei Colleges in Manhattan – Cooper Union und das Courant Institute, ohne das Studium mit einem akademischen Grad abzuschliessen.
Abgesehen von seiner Freundschaft mit Leslie Wexner und seiner anfänglichen Investition von einer Milliarde Dollar in den frühen 1980ern und desnTransfers mehrerer Vermögenswerte ist unklar, wie Epstein sein Vermögen zusammentrug. Wexners Vermögens-gegenstände wurden zu einem nominellen Preis an Epstein abgetreten – darunter eine Boeing 727, die Stadtresidenz in Manhattan, ein Appartement in der Avenue Foch in Paris, die Privatinsel Little Saint James, die zu den Amerikanischen Jungferninseln gehört, sowie die Zorro-Ranch in New Mexico.
Jagd auf junge Models
Nachdem Epstein in der Mitte der 1980er zu Geld gekommen war, fungierte sein Bruder Mark, obschon kein offizieller Geschäftspartner, als Manager einiger Immobilienholdings von Jeffrey, darunter die berüchtigte Stadtresidenz 301 East 66th Street, wo mehrere Mädchen nach ihren eigenen Angaben von Politikern und Geschäftsleuten, die mit Epstein befreundet waren, missbraucht wurden. Mark Epsteins New Yorker Immobilienfirma Ossa Properties war zumindest auch an diesem Anwesen beteiligt.
In einem Interview mit dem Wirtschaftsjournal Crain’s New York Business bestritt Mark Epstein unlängst jede Verbindung zwischen Ossa Properties und dem Unternehmen seines Bruders, J. Epstein & Co. Die Information, er sei Miteigentümer des Anwesens in der East 66th Street, bezeichnete er als «falsch». In einem später erschienenen Artikel schrieb das Wall Street Journal, dass «die beiden [Epsteins] tatsächlich Geschäftspartner waren».
Ungeachtet seiner fragwürdigen Geschäftspraktiken, seiner erratischen Karriere und seiner geschäftlichen Beziehungen umgab sich Jeffrey Epstein mit einem Netzwerk von mächtigen Partnern und Politikern, welche seine Finanzstruktur schützten, förderten und mittrugen, was ihm erlaubte, seine Investitionstätigkeit weiter fortzusetzen und jahrzehntelang wie ein König zu leben – ausserhalb von Gefängnismauern.
Epsteins Verfehlungen beginnen in den späten 1970ern, vielleicht auch schon früher, jedenfalls lange vor meinen zehnjährigen Recherchen (2009–2019) und meiner Bekanntschaft mit ihm.
Seine berufliche Karriere begann, kurz nachdem ihn die Dalton Academy, eine elitäre Privatschule in Manhattans Upper East Side, entlassen hatte. Während seiner kurzen Tätigkeit dort als Mathematik- und Klavierlehrer (1974–1976) lernte er einen jungen Schüler kennen, Ted Greenberg. Dessen Vater, «Ace» Greenberg, war ein Schwergewicht in der Welt der Investmentbanker und später Chef von Bear Stearns in New York.
«Ace» fand Epstein, der seinem Sohn zu Hause Mathematiknachhilfe gab, sofort sympathisch. Schon bald gab er ihm einen Job als Junior Trader in der Abteilung für Optionen seines Unternehmens. Das war 1976. 1981 stieg Epstein zum Geschäftspartner auf, wurde aber schon bald wegen Insiderhandels gefeuert.
Bear Stearns strengte keine Klage gegen Epstein an, aber seine Karriere in dieser Investmentbank war damit zu Ende. 2009 erfuhr ich von einer Zeugin, einem früheren Model, dass Epstein schöne junge Models (durchweg volljährig) in New York für Geschäftszwecke anbot. Ihre beste Freundin und Mitbewohnerin bestätigte diese Information.
Zuerst freundete sich Epstein mit den jungen Models an, lud sie zu Partys und Dinners ein und bot sich als Finanzberater an. Er machte Vorschläge, wie sie mit Hilfe bestimmter Investitionsstrategien ihre Einnahmen verdoppeln konnten. Er verlangte dafür ihre Sozialversicherungsnummer und einen Betrag in Höhe von 10 000 Dollar. Die jungen Models, die oft wenig vom Geschäftsleben und noch weniger von Investitionen verstanden, liessen sich meist auf Epsteins Bedingungen ein.
Er versprach ihnen die Rückzahlung der zehntausend Dollar innerhalb kurzer Zeit plus die Hälfte des erzielten Gewinns. Die andere Hälfte würde er als «Kommission» einbehalten. Diese Vorfälle erklären, wie er aufflog und seinen Job bei Bear Stearns verlor.
Offenbar dauerte diese Praxis mehrere Jahre. Es erklärt auch, warum Epstein sich zu Beginn seiner Karriere mit jungen Models umgab. Vielleicht erklärt es auch, warum er sich mit Donald Trump anfreundete, der von 1996 bis 2015 Eigentümer des Miss-Universe-Schönheitswettbewerbs war. Seine Jagd nach Opfern verlief in vertrauten Bahnen.
2004 bot sich für Epstein eine neue Gelegenheit, mit jungen Models Geschäfte zu machen. Er stellte dem Franzosen Jean-Luc Brunel eine Million Dollar für die Gründung einer Model-Agentur zur Verfügung. Brunel, Mitbegründer der Model-Agentur MC2, hat Büros in Florida, New York und Tel Aviv. Indem Epstein in MC2 investierte, konnte er ungehindert junge Mädchen akquirieren, sie durch die ganze Welt transportieren, sie in seiner Villa einquartieren und mit dem Versprechen einer Model-Karriere locken.
Zurück zu Bear Stearns. Obwohl Epstein dort rausgeflogen war, unterhielt er weiterhin enge Beziehungen zu Greenberg und Jimmy Cayne, dem zeitweiligen CEO. Cayne, bekannt als der erste CEO der Wall Street, der «Firmenaktien im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar besass», gilt in der Wall Street noch immer als mythische Figur. 2007 (noch vor dem Finanz-Crash von 2008) wurde gemeldet, dass er seine gesamten Firmenanteile für 61 Millionen Dollar verkauft habe.
Mit Leslie Wexner freundete sich Epstein während seiner kurzen Zeit bei Bear Stearns an. Wexner, Gründer und CEO von L Brands und Eigentümer von Victoria’s Secret und vielen anderen amerikanischen Marken, war ein überzeugter Republikaner und einer der angesehensten Multimillionäre. Bis 2018 unterstützte er die Republikanische Partei mit grosszügigen Spenden, wandte sich dann jedoch der American Independent Party zu.
Wexner und Epstein wurden schon bald enge Freunde. Epstein war es auch, der Wexner mit Abigail Koppel bekannt machte, dessen heutiger Ehefrau. Mrs Koppel, eine Anwältin, ist die Mutter ihrer vier Kinder. Derzeit wird gegen Wexner ermittelt.
Wall Street war schon immer eine geschlossene Welt. Epstein selbst war zwar kein Insider, aber er war gut mit Insidern bekannt. In Wall Street führt eine Freundschaft zur anderen. Für Akteure, die am Rand operieren, und für eingeführte Firmen wie Bear Stearns galt das mit Sicherheit. In der goldenen Ära der Finanzwelt soll «Ace» Greenberg die meisten seiner neuen Mitarbeiter als «P. S. D.’s» bezeichnet haben – arm, smart und benachteiligt. Für Epstein trafen alle drei Charakterisierungen zu.
Als Mensch, der vielen jungen Frauen und Erwachsenen zu einem besseren Leben hätte verhelfen können, verlor Epstein seinen moralischen Kompass. Und wie Ikarus, der allzu hoch hinauswollte, erlebte er einen tiefen Sturz.
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
Conchita Sarnoff ist Autorin von «TrafficKing», dem ersten Buch, das über den Fall Jeffrey Epstein veröffentlicht wurde. Als investigative Journalistin hat Sarnoff während zehn Jahren die dunkelsten Winkel der Korridore der Macht, von Harvard bis zum Weissen Haus ausgeleuchtet. Im Zentrum der Erkundung stand Jeffrey E. Epstein, ein pädophiler Milliardär, Wall-Street-Hedgefonds-Manager und registrierter Sexualstraftäter. Trotz offerierter Bestechungsgeldern beschloss sie, nicht zu schweigen. Um die brutale Realität des Menschenhandels und das Ausmass des Falls Epstein aufzuzeigen, riskierte sie ihr Leben. Für ihre Recherche interviewte Sarnoff zahlreiche Opfer und Epstein selbst. 2010 veröffentlichte sie in The Daily Beast als erste Journalistin Einblicke in das Netzwerk Epsteins. Kürzlich wurde «TrafficKing» zur Verfilmung für das Fernsehen freigegeben. Heute ist Sarnoff Geschäftsführerin der Alliance to Rescue Victims of Trafficking, die sich um Opfer von Menschenhandel kümmert. Sie ist ausserdem Gründerin des Forschungszentrums Menschenschmuggel an der Georgetown University. Die US-Amerikanerin hat zwei Kinder und lebt in Washington, D. C. www.conchitasarnoff.com