Die SBB werden bei den immer häufigeren Streckensperrungen für Bauarbeiten ständig rücksichtsloser gegenüber ihren Fahrgästen. Der vorläufige Tiefpunkt nebst weiteren Beispielen ist die in diesem Sommer über volle acht Wochen gesperrte dreissig Kilometer lange Hauptstrecke von Bern nach Freiburg.
Zwei Monate lang fahren hier überhaupt keine Züge mehr. Die Fahrgäste sind zum Schienenersatzverkehr mit Autobussen gezwungen – mit längeren Reisezeiten, geringerem Komfort und teilweisen mit Stehplätzen. Von Montag bis Freitag sind zwischen Bern und Freiburg nicht weniger als täglich 22.000 Reisende betroffen.
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Direkte Reisezüge von Genf nach Zürich fahren überhaupt keine mehr. Infolgedessen muss in jedem Fall in Renens umgestiegen und die Reise über Yverdon–Biel mit einem anderen Zug fortgesetzt werden. Trotz dieser Zumutung schaffen es die SBB nicht, dass in Renens wenigstens bei jedem Umsteigen am selben Perron auf den Anschlusszug gewechselt werden kann. Diese Erleichterung ist nur bei der Hälfte der Verbindungen der Fall.
Auch älteren Reisenden wie denjenigen mit kleinen Kindern und viel Gepäck sowie Fahrgästen mit Behinderungen wird die Hetzerei über Treppen und Unterführungen zugemutet.
Der Staatsbetrieb SBB ist offenbar zum Ergebnis gekommen, in der überbevölkerten Schweiz keine Rücksicht mehr auf seine Kunden nehmen zu müssen. Die Züge füllen sich auch nach den Ärgernissen der «Fahrgäste» schon bald wieder. Denn die Staus auf den Strassen sind keine Alternative.
Den Trend zu radikalen und lange dauernden Streckensperrungen für Bauarbeiten haben die SBB aus dem Ausland kopiert. Die Deutschen können viele Klagelieder davon singen. Als wären in früheren Zeiten bei der Eisenbahn keine Schienen und Schwellen sowie weitere Komponenten erneuert worden. Aber damals war es für die Bahnverwaltungen keine Option, ihre Kunden mit solchen Schikanen zu drangsalieren.
Es waren noch Eisenbahner mit Herzblut am Hebel statt der heutigen Manager. Es galt das Prinzip vom Fahren und Bauen. Dass die Züge fahren, war oberstes Ziel. Natürlich ist dieses Verfahren für die Bauarbeiten aufwendiger. Aber der Kunde war damals bei der Eisenbahn noch König. Heute werden die Reisenden als Massenware betrachtet, die sich gefälligst fügen soll.
Und es geht ungebremst weiter. Auch für 2026 sind zahlreiche Streckensperrungen eingeplant.
Betroffen ist zudem der Güterverkehr mit längeren Transportzeiten und Verspätungen. Die Cargo-Kunden mit immer mehr Just-in-time-Lieferungen sind unzufrieden und wechseln von der Schiene zurück auf die Strasse. SBB Cargo hat beschlossen, auf Grund dieser Entwicklung landesweit neun Terminals nicht mehr zu bedienen. Wo bleibt eigentlich der Widerstand der roten und grünen Politiker?