Der Tages-Anzeiger schlägt Alarm. Im hippen Stadtzürcher Kreis 5 würde die Planung von Neubauten die «vielfältige tamilische Gemeinschaft» bedrohen. Was genau an einer abgeschotteten Gemeinschaft von Tamilen wünschenswert ist, wird nicht weiter begründet. Und schon gar nicht, inwiefern eine solcherart abgesonderte ethnische Gruppierung «vielfältig» sein soll.
Durch eine Leerkündigung an der Josefstrasse sei «die tamilische Diaspora als Ganzes» betroffen. Dort könne sie sich nämlich im sri-lankischen Restaurant verpflegen und im sri-lankischen Laden einkleiden. Die geschwungene, für Ungeübte nicht lesbare tamilische Schrift sei allgegenwärtig zwischen Langstrasse und Röntgenplatz, auch «Little Sri Lanka» genannt.
Nun gilt das Lob des Tages-Anzeigers letztlich der Isolierung einer Menschengruppe, die seit den 1980er Jahren scharenweise in die Schweiz geströmt ist. Etwa 50.000 Tamilen sind seit damals in die Schweiz gekommen, nicht viel mehr sind es in Deutschland, während es sie in Österreich fast gar nicht gibt. Denn die Tamilen sind dorthin gegangen, wo schon andere waren.
Während der Tages-Anzeiger ansonsten stets Integration und Inklusion predigt, vertritt er hier das Gegenteil. Die Tamilen sollen möglichst ungestört von der Wirtschafts- und Stadtentwicklung unter sich bleiben können. Das Gegenteil ist wahr. Die Tamilen brauchen weniger Tamilisches, dafür mehr Schweizerisches.
Obwohl es sich um eine fleissige, vornehmlich im Niedriglohnsektor arbeitende Zuwanderergruppe handelt, ist deren Abschottung ein Problem. Weil Gewaltverbrechen und Tätlichkeiten meist innerhalb der tamilischen Gemeinschaft geschehen, sind sie gegen aussen wenig sichtbar. Doch das traditionelle Kastenwesen mit entsprechenden Diskriminierungen bleibt ebenso eine Herausforderung wie Zwangsheiraten, Alkoholismus, Altersarmut, Schutzgelderpressung und rigide Sammelmethoden durch die «Tamil Tigers».
Eine vorschnelle Idealisierung der im Grunde wenig integrierten, unter sich gebliebenen tamilischen Zuwanderung ist jedenfalls fehl am Platz.