Die Türkei will ihren Einfluss weit über die eigene Region hinaus ausdehnen und setzt dabei verstärkt auf muslimische Staaten, die eine Art «Islam-NATO» bilden könnten. Aussenminister Hakan Fidan skizzierte am Donnerstag seine Vision für eine neue regionale Sicherheitszusammenarbeit. Er schlug vor, dass europäische Schlüsselstaaten wie das Vereinigte Königreich, Frankreich und Deutschland gemeinsam mit Ankara eine eigenständige Sicherheitsarchitektur aufbauen sollten, die weniger stark vom amerikanischen Schutz abhängt. Hintergrund dieses Vorstosses sind wachsende Zweifel an der künftigen Rolle der NATO und an der Stabilität des westlichen Bündnissystems insgesamt.
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Diese strategische Neuorientierung zeigt sich jetzt in konkreten diplomatischen Initiativen. So bemüht sich Präsident Recep Tayyip Erdoğan derzeit darum, ein Videotelefonat zwischen Donald Trump und dem iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian zu vermitteln, um einen Ausweg aus der Iran-Krise ohne militärische Eskalation auszuloten.
Zugleich will Ankara die Zukunft des Gazastreifens aktiv mitbestimmen. Durch harte Rhetorik gegen Israel und eine prominente Rolle in Vermittlungsformaten versucht die Türkei, sich als unverzichtbarer Gesprächspartner für die Nachkriegsordnung zu positionieren – gegenüber den USA ebenso wie gegenüber arabischen Staaten und Europa. Gaza dient dabei als politische Eintrittskarte in zentrale Verhandlungsforen, in denen über die künftige Ordnung der Region debattiert wird. Die Türkei inszeniert sich als moralische Stimme der Palästinenser und versucht so, verlorenen Einfluss im sunnitisch-islamischen Raum zurückzugewinnen, insbesondere gegenüber Saudi-Arabien, Ägypten und den Golfstaaten.
Aussenminister Fidan, der langjährige Chef des türkischen Geheimdienstes MIT, will die Türkei als zentralen Vermittler zwischen konkurrierenden Machtblöcken etablieren. Sogenannte Mittelmächte müssten enger kooperieren, um in einer «zunehmend fragmentierten Weltordnung nicht marginalisiert zu werden», sagte er in einem Interview mit Al Jazeera.
Das NATO-Mitglied treibt diese Strategie durch den Ausbau gezielter Allianzen ausserhalb Europas voran. Dazu zählen vor allem Abkommen mit Pakistan und Saudi-Arabien, die militärische, wirtschaftliche und ideologische Dimensionen haben sollen. Über diese Partnerschaften versucht Ankara, alternative Machtachsen zu etablieren und sich unabhängiger von westlichen Bündnissen zu machen.
Mit seinem jüngsten Vorstoss macht Fidan deutlich, dass sich die Türkei nicht mehr nur als regionaler Akteur oder als NATO-Partner versteht, sondern als Scharniermacht einer neuen Sicherheitsstruktur in Europa und seiner nahöstlichen Nachbarschaft. Er stellt damit die europäische Sicherheitsphilosophie grundlegend infrage. Indem er für ein eigenständiges Sicherheitsmodell unter Einbeziehung der Türkei wirbt, testet Fidan, wie weit Europa bereit ist, sich von der amerikanischen Schutzgarantie zu lösen – und welche Rolle Ankara dabei spielen darf. Gaza nutzt Ankara dabei als politischen Hebel, um die westliche Glaubwürdigkeit infrage zu stellen, die NATO zu relativieren und Israel unter Druck zu setzen, ohne die strategische Kooperation grundsätzlich aufzukündigen.