Saudi-Arabien erfindet sich neu – radikaler, schneller und entschlossener als jeder andere Staat seiner Gewichtsklasse.
Während Europa in seinen Zweifeln verharrt und die USA zwischen Selbstfokussierung und politischem Fieber pendeln, entwirft Riad eine Zukunft, die zugleich fasziniert, irritiert – und den Westen herausfordert.
Im Zentrum dieser tektonischen Verschiebung steht eine ungewöhnliche Allianz: Mohammed bin Salman – kurz MbS – und US-Präsident Donald Trump bilden ein Duo, das aus nüchterner Zweckgemeinschaft und ungebremstem Machtwillen eine Energie freisetzt, die das geopolitische Gleichgewicht der kommenden Jahre grundlegend verändern könnte.
Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved
Die Transformation, die MbS mit seiner Revolution von oben durchsetzt, benötigt verlässliche Partner: Kapital, Technologie, sicherheitspolitische Rückendeckung. Genau hier kommen Donald Trump und die USA ins Spiel.
Das von Herzlichkeit geprägte Treffen zwischen MbS und Trump könnte ein Katalysator für die Beschleunigung der Vision 2030 und den Ausbau der saudisch-amerikanischen Wirtschaftsachsen sein. Saudi-Arabien erhält privilegierten Zugang zu amerikanischer Technologie, zu milliardenschweren Investitionen und zu enger militärischer Kooperation. Die USA wiederum finden in Riad unter Trump einen Verbündeten, der regionale Stabilität verspricht, wirtschaftliche Chancen eröffnet und gleichzeitig Raum für globale strategische Optionen schafft. So wird die Modernisierung des Königreichs nicht nur als innenpolitisches Grossprojekt vorangetrieben, sondern zunehmend als Teil einer gemeinsamen, global ausgerichteten Vision zwischen Riad und Washington.
Saudi-Arabien als das «neue Europa» zu bezeichnen, mag provokant klingen – doch die Formel trifft ins Mark. Europa zögert, während Riad an Zukunftsprojekten arbeitet, die weit über die eigenen Bedenken hinausreichen. Der saudische Griff nach der Zukunft sagt am Ende weniger über das Königreich aus als über Europas Verlust an Mut.
Europa hat sich daran gewöhnt, im eigenen Zweifel zu ruhen: zu viel Bürokratie, zu wenig geschichtliche Tiefenschärfe, hohe moralische Ansprüche, die es selbst kaum noch erfüllt. Und während der Alte Kontinent diskutiert, zaudert und reguliert, hat sich Saudi-Arabien still und methodisch in eine Rolle geschoben, die Europa einst für sich beanspruchte: als Ort des Aufbruchs, der radikalen Modernisierung, der Visionen, die grösser sind als die eigenen Bedenken.
Natürlich ist die saudi-arabische Vorwärtsstrategie teuer erkauft: Durch ein autoritäres System für eine Gesellschaft, die modern erscheinen soll, im Kern aber eine konservativ Nation mächtiger Clans bleibt. Doch gerade dieser Widerspruch legt die Ironie der Gegenwart frei. Europa wollte der Welt einmal beweisen, dass Zukunft nur in Freiheit, Vielfalt und Rechtsstaatlichkeit möglich sei. Heute schaut die Welt nach Riad – nicht wegen der dort herrschenden Freiheit, sondern weil dort, anders als in vielen europäischen Hauptstädten, Zukunft überhaupt noch gewollt wird.
Europa meditiert über seine prosaische Gegenwart; Saudi-Arabien betreibt politisches Bodybuilding: Muskeln, Stahl, Beton, Ambition – alles auf Maximum. Das Mega-Projekt von MbS, seine Vision 2030, wirkt wie der Versuch, das gesamte 21. Jahrhundert in einem Jahrzehnt aufzuholen. Europa wirkt demgegenüber manchmal so, als wolle es das Jahr 2030 möglichst vertagen.
Diskussionen über die kühnen Projekte Riads drehen sich meist um deren Machbarkeit. Doch in Wahrheit legt der saudische Griff nach der Zukunft weniger das Königreich offen als Europas eigenen Mangel an Mut: über seine Furcht vor dem Neuen und sein heimliches Begehren danach.
Wenn Europa die gigantischen Ambitionen Saudi-Arabiens belächelt oder gar verspottet, zeigt sich darin nur der eigene Verlust an Visionen. Das Problem liegt nicht dort in der Wüste – sondern im selbstzufriedenen Europa.
Denn genau hier beginnt Europas Problem mit MbS: Er modernisiert im Rekordtempo, aber unter Bedingungen, die mit westlichen Idealen wenig zu tun haben. Trump wiederum setzt auf einen Herrscher, dessen Zukunfts-Vision nicht auf Freiheit, sondern auf Effizienz und Kontrolle beruht. Beide treiben sich gegenseitig an – und zeigen damit, wie weit sich Trump und MbS von Europas behutsamer, selbstgenügsamer Modernisierung entfernt hat.
Am Ende lässt sich die Allianz zwischen Mohammed bin Salman und Donald Trump kaum auf persönliche Sympathien reduzieren. Sie ist ein politischer Handel, der beiden Seiten dient – und beiden Seiten Risiken bringt.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre dieser Partnerschaft: Zukunft entsteht dort, wo sie gewollt wird – nicht dort, wo man sie nur verwaltet. Saudi-Arabien legt die Ziele vor, Trump liefert die Hebel, und gemeinsam formen sie eine Realität, an der Europa sich misst – ob es will oder nicht.