Die Zeit nickt alles ab – der Körper eher nicht
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Ich habe schon lange keine Uhr mehr im Schlafzimmer. Geschweige denn einen Wecker. Natürlich ist das eines der grossen Privilegien der Selbständigkeit – und des Status «getrennt erziehend». (Zudem bin ich der festen Überzeugung, dass man mit vierzehn durchaus in der Lage sein sollte, sich morgens selbst ein Müesli in eine dafür vorgesehene Schale zu füllen.) Irgendwann habe ich bemerkt, dass dieses kleine, leuchtende Weckerrechteck mich nicht nur weckt, sondern auch bewertet. Zu früh. Zu spät. Zu wenig oder zu viel geschlafen. Schon wieder. Die Nacht war plötzlich kein Traumraum mehr, sondern irgendein Datensatz. Draussen geht die Sonne trotzdem auf. Unbeeindruckt. Immer leicht versetzt. Nie exakt gleich. Samuel Beckett hat einmal trocken notiert: «Die Sonne schien, da sie keine andere Wahl hatte, auf nichts Neues.»

Die Zeit nickt alles ab – der Körper eher nicht

Vor allem aber wache ich lieber dann auf, wenn es Zeit ist, wach zu werden. Nicht aus Protest, eher weil es mich reguliert, nicht ferngesteuert aus meinen Träumen gerissen zu werden. Und vielleicht ein bisschen auch aus Müdigkeit. Ich finde den Zustand der Welt beeindruckend – aber zunehmend anstrengend, bisweilen besorgniserregend. Meine astrologischen Prognosen sagen dem Jahr 2026 noch mehr Tempo voraus. Es wird ein Jahr unter der Regentschaft des Planeten Merkur, des blitzschnellen Götterboten, der Nachrichten im Eiltempo überbringt. Doch bis dahin geht es noch einen Moment – in der Astrologie beginnt das neue Jahr erst am 21. März, wenn die Sonne in den Widder wechselt. Dass wir Silvester feiern, hat weniger mit kosmischen Zyklen zu tun als mit Ordnung. Der 1. Januar ist quasi ausgedacht: praktisch, übersichtlich, gut verwaltbar. Schon die Römer wussten den Wert solcher Fixpunkte zu schätzen. Ein Datum, auf das man sich einigen kann – für Steuern, Amtszeiten, Abrechnungen. Dass der Jahreswechsel am 31. Dezember passiert, ist kein Zufall, sondern eine historische Entscheidung: An diesem Tag starb im Jahr 335 Papst Silvester I. Als das Christentum begann, den römischen Kalender zu übernehmen, setzte sich dieses Datum durch. Nicht weil der Himmel es verlangte, sondern weil es eben Ordnung versprach.

Und by the way hat der Juli 31 Tage, weil ein Mann mit Lorbeerkranz und grossem Ego, aka Julius Caesar, beschloss, dass Zeit ihm gefälligst zu gehorchen habe. Augustus, sein Adoptivsohn, wollte daraufhin auch einen eigenen Monat und auch 31 Tage. Wir sehen, wo das hinführt ... Der Februar – schwach, kalt, ungeliebt – musste bluten. Und so wurde Zeit neu sortiert. Nicht nach Sonne oder Mond. Sondern nach Eitelkeit, Symbolik und Machtanspruch. Nichts daran ist falsch. Aber nichts daran ist naturgegeben. Der Kalender sagt uns, wann etwas gelten soll – und nicht, wann die Zeit reif ist. Die Natur kennt keine Neujahrsvorsätze. Sie kennt nur Übergänge, Verdichtungen, das allmähliche Kippen von Licht und Dunkel. Wir tun gern so, als wäre Zeit etwas Einheitliches. Als liesse sie sich portionieren wie Joghurt im Kühlregal: acht Stunden Schlaf, eine Stunde Sport, dreissig Minuten Mittagspause; die Stunde, in der man noch schnell alles erledigt, die Stunde, in der man besser nichts mehr beginnt. Die Uhr nickt alles ab. Der Körper eher nicht.

Manchmal beobachte ich Menschen, die während eines Gesprächs auf ihre Uhren schauen. Ein halber Blick, ein flüchtiges Lächeln, als würde jemand leise mitzählen. Die Stunde läuft. Irgendwo wartet schon die nächste. Ich frage mich, wann wir begonnen haben, Begegnungen nach Zeit zu beurteilen – und nicht Zeit nach Begegnungen. Das Wort «Horoskop» bedeutet nichts anderes als «in die Stunde schauen» (hora, die Stunde; skopein, schauen). Es ist kein berechnetes Persönlichkeitsprofil, sondern eine Stundenschau. Eine subtile Art zu fragen: Was ist jetzt gerade wichtig?

Ich muss oft an meinen Lieblingsturm in Bern denken, die Zytglogge. Sie war ursprünglich kein Uhrturm, sondern ein Stadttor, errichtet im frühen 13. Jahrhundert. Erst später wurde sie zum öffentlichen Zeitgeber. Dabei gibt sie nicht nur den Schlag zur vollen Stunde, vielmehr strukturiert sie den Tag. Als astronomische Uhr zeigt sie die Stellung von Sonne und Mond an, das jeweils wirkende Tierkreiszeichen, die Mondphase, Sonnenauf- und -untergänge. So sah Orientierung in einer Welt ohne Minutenzeiger, Fahrpläne oder private Uhren aus. Bis heute setzt mit jeder Stunde ein kleines Schauspiel ein: Bären ziehen ihre Kreise, der Narr läutet die Stunde zu früh, der Hahn kräht, und Chronos, der Gott der Zeit, dreht seine Sanduhr. Zeit wird hier nicht abstrakt angezeigt, sondern verkörpert. Die Stunde hat Gestalt. Sie wird erlebt, nicht nur gemessen.

Die Zytglogge ist ein Verständnisraum von Zeit, in dem Rhythmus, Kosmos und Alltag miteinander verbunden sind. Menschen richteten sich danach aus, lange bevor Zeit zur reinen Funktion wurde und ehe wir lernten, sie zu zerlegen, zu optimieren und vom Himmel, Körper und Weg zu trennen. Irgendwann haben wir beschlossen, dass alle Stunden gleich viel wert sind, dass eine Stunde am frühen Morgen dasselbe Gewicht hat wie eine kurz vor Mitternacht. Das erinnert mich an Michael Endes «Momo» und die Schildkröte Kassiopeia. Sie hatte keine Uhr und keinen Plan. Sie bewegte sich langsam, aber nie zufällig. Auf ihrem Panzer standen Sätze, die man nur lesen konnte, wenn man stehenblieb. Kassiopeia ist ein Gegenrhythmus; je langsamer du gehst, desto weiter kommst du. Die grauen Herren hingegen waren nie subtil. Sie rauchten, rechneten, versprachen Rendite. Heute tragen sie Pastellfarben und sprechen von selfcare. Das Paradox bleibt: Je genauer wir messen, desto weniger scheinen wir zu spüren. Und umso schneller geht alles. Die Astrologie interessiert sich nicht für Kalender, sondern für Übergänge. Nicht dafür, was wir tun sollen, sondern in welcher Stunde wir es tun. Sie ist die Lehre vom richtigen Zeitpunkt. Dafür brauchen wir keinen Wecker.

Alexandra Kruse ist Ex-Stylistin, Astrologin und Mutter eines Sohns. Sie glaubt an Sonne, Mond und Sterne, ist in Zürich anzutreffen und auf Instagram.

Dieser Text erschien in der aktuellen Ausgabe des WW-Magazins.

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