Das letzte Schiff ist unterwegs. Die «Maetiga» schiebt sich, beladen mit Kerosin aus Saudi-Arabien, durch die Wellen Richtung Grossbritannien. Ankunft diese Woche. Danach: nichts.
Kein zweiter Tanker, kein dritter, kein vierter. Die Bildschirme der Datenfirmen Kpler und Vortexa zeigen eine Leere, die in dieser Branche bisher keiner erlebt hat. Früher waren es im Schnitt acht Lieferungen gleichzeitig. Aktuell ist es eine. Und bald ist es keine mehr.
Olivier Hoslet/EPA/Keystone
Die Strasse von Hormus ist keine Strasse, sondern ein Nadelöhr unter Dauerfeuer. Normalerweise fliessen hier, gebunkert in Tankern, rund zwanzig Millionen Barrel Öl pro Tag hindurch. Jetzt fliesst Misstrauen, und es hagelt Raketen. Europa verliert damit auf einen Schlag rund 300.000 Barrel Kerosin täglich. Die Importe sind von über 600.000 Tonnen die Woche auf gut 250.000 gefallen. Ein halber Markt ist einfach verschwunden, als hätte jemand den Stecker gezogen.
Während in London noch beschwichtigt wird, rechnet die Branche längst anders. Flugbenzin kostet in Nordwesteuropa inzwischen mehr als 1700 Dollar pro Tonne, etwa doppelt so viel wie vor dem Krieg. Das ist keine Preisanpassung, das ist ein Schock. Wer jetzt glaubt, Deutschland und die Schweiz seien fein raus, verwechselt Geografie mit Realität.
Deutschland hängt am Tropf von Rotterdam und Antwerpen. Was dort nicht ankommt, kommt auch nicht den Rhein hinauf. Die Schweiz wiederum hängt an Deutschland, Frankreich und den Niederlanden wie ein Patient am Infusionsständer.
Offiziell ist Europa weniger abhängig vom Nahen Osten, heisst es. In den Statistiken sieht das ordentlich aus. In der Praxis jedoch kommt ein erheblicher Teil der Produkte weiterhin von dort, nur über Umwege: Indien raffiniert Golföl und verkauft es weiter nach Europa. Man hat die Abhängigkeit nicht beendet, man hat sie nur besser verpackt.
Der Markt reagiert, wie Märkte reagieren: opportunistisch. Ladungen werden umgeleitet und sind länger unterwegs, Verträge werden neu verhandelt. Wer mehr zahlt, bekommt den Zuschlag. Europa kann das noch. Aber selbst optimistische Analysten sagen inzwischen offen, dass die Ersatzlieferungen aus den USA und Westafrika nicht reichen werden, um die Lücke vollständig zu schliessen. Das System wird nervös.
Für Autofahrer bedeutet das vorerst keine leeren Zapfsäulen, sondern schleichend steigende Preise. Für Airlines ist es heikler. Wenn die Lieferungen ausbleiben, wird aus der Ferienplanung von Urlaubern schnell eine Rechenaufgabe und aus dem günstigen Ticket ein Luxusgut, das sich keiner mehr leisten kann.
Die eigentliche Pointe liegt woanders: Europa hat sich mit grossem moralischem Aufwand von russischem Öl verabschiedet und steht nun da wie ein Patient, der die Infusion gewechselt hat, aber nicht die Krankheit. Es bleibt dieses Bild: ein Tanker, der noch fährt. Einer. Danach beginnt das grosse Improvisieren.