Die Ukraine befindet sich in einer Krise. Das britische Magazin The Economist stellt dem Land in einer neuen Analyse ein ernüchterndes Zeugnis aus: Drei Jahre nach Kriegsbeginn ist von der einstigen Vision einer «Ukraine 2.0» kaum mehr etwas übrig. Militärisch stagniert die Front seit Ende 2022. Wirtschaftlich schrumpft das Land – und politisch wächst die Kluft zwischen Regierung und Gesellschaft.
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Präsident Wolodymyr Selenskyjs Aufstieg zum Kulthelden im Westen habe seine Hybris gefördert – mit negativen Folgen für die innenpolitische Realität. Der Präsident habe ein Umfeld geschaffen, das von Bunkermentalität und fehlender Kritik geprägt sei. Die Armee sei unterbesetzt, die Moral gesunken, viele Ukrainer verweigerten mittlerweile den Kriegsdienst.
Zwar seien einige Verteidigungserfolge – etwa der Rückzug russischer Schiffe aus dem Schwarzen Meer – beeindruckend. Doch Russland habe gelernt, ukrainische Innovationen rasch zu kopieren. Die Mobilisierung frischer Truppen gelinge kaum noch, und an den Frontlinien im Donbass kämpfe man seit über einem Jahr um dieselben Städte.
Laut einem ranghohen Beamten ist das Szenario klar: «Wir können jahrelang kämpfen und dabei langsam Positionen verlieren. Aber die Frage ist: Warum?» Ein ausgehandelter Kompromiss mit Russland, möglicherweise unter US-Präsident Donald Trump, erscheint demnach realistischer als ein militärischer Sieg. Die Armee bereite sich inzwischen auf einen langen Abnützungskrieg vor – während die Hoffnung in Kiew schwinde.