Ein echter Intellektueller: Henry Kissinger wird dieser Tage hundert Jahre alt. Selten war sein Denken so wichtig wie heute
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Ein echter Intellektueller: Henry Kissinger wird dieser Tage hundert Jahre alt. Selten war sein Denken so wichtig wie heute

Henry Kissinger’s legacy will provide grounds for debate for decades, perhaps even centuries, to come.

Auf dem Schreibtisch, an dem ich diesen Artikel schreibe, steht ein Foto von Henry Kissinger mit der Widmung «Für Andrew von seinem Freund und Bewunderer Henry». Erwarten Sie also bitte nicht, dass dieser Artikel zu seinem hundertsten Geburtstag völlig objektiv ist. Ich glaube allerdings, dass das Zentenarium eines so aussergewöhnlichen Mannes ein Ereignis ist, das weit über seinen Freundeskreis und seine Familie hinaus gefeiert werden sollte.

Policies of Détente based upon Realpolitik: Henry Kissinger, born May 27th, 1923. CREDIT: Yousuf Karsh/Camera Press

Grundsätze von Kant

Viele globale Ereignisse der letzten achtzig Jahre wurden mit Dr. Henry Kissinger in Verbindung gebracht. Er kam 1923, im Jahr der grossen deutschen Inflation, in Bayern zur Welt und entfloh 1938 mit seiner Familie glücklicherweise dem Land und dem fast sicheren Tod im Holocaust. Am Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte er als US-Soldat nach Deutschland zurück und jagte die Kriegsverbrecher der Nazis. In den 1950er Jahren zählte er zu den führenden Köpfen der Atomkriegstheorie, später war er Aussenminister und nationaler Sicherheitsberater unter Richard Nixon, als der Vietnamkrieg beendet wurde (wofür Henry den Friedensnobelpreis erhielt). Er erfand die «Pendeldiplomatie», um den Jom-Kippur-Krieg beizulegen, öffnete Rotchina für den Rest der Welt und versuchte, den Vormarsch des Sowjetkommunismus aufzuhalten.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt im Jahr 1977 wurde Henry der weltweit führende Kommentator für internationale Politik, leitete die 9/11-Kommission und verfasste mehr als ein Dutzend Bücher, das letzte im Alter von 99 Jahren. Mit Ausnahme seiner Ehe mit der schönen und charmanten Nancy war fast alles, was er in seiner Karriere tat, höchst umstritten. Allerdings kann niemand leugnen, dass sein Leben eng mit den Geschicken unseres Planeten verknüpft war.

Präsidenten, Premierminister und CEOs haben ihn um Rat gefragt. Trotz seines immensen Ansehens ist Henry eine äusserst zugängliche, sogar fidele Person – man muss nur erst den Schock über seine Stimme überwinden, die wie eine Betonmischmaschine mit mechanischen Problemen klingt. Seine funkelnden Augen unter den schweren Lidern verraten eine Vorliebe für Scherze, gutmütigen Unfug, Klatsch auf hohem Niveau und für ernsthafte Diskussionen.

Echte Intellektuelle sind unter den Spitzenpolitikern der Welt erstaunlich selten. Henry gehört zweifellos zu ihnen, auch wenn er das nicht betont. Er ist ein Mann, der die Grundsätze von Immanuel Kant kannte und versuchte, sie so weit wie möglich in seiner auf Realpolitik beruhenden Entspannungspolitik umzusetzen.

Und da ist sein grossartiger Sinn für Humor, der immer da und auch im höchsten Alter ungebremst ist. Von ihm stammt der berühmte Ausspruch «Macht ist das ultimative Aphrodisiakum», was er sicher mit einem Lächeln im Gesicht gesagt hat, wie auch die sarkastische Bemerkung, dass Streitigkeiten zwischen Akademikern so bösartig seien, «weil so wenig auf dem Spiel steht». Seine Haltung zum Iran-Irak-Krieg in den 1980er Jahren war ebenso prägnant wie aufschlussreich: «Schade, dass sie beide nicht verlieren können.» Die Leser seiner Bücher werden sich, auch lange nachdem er in den grossen West Wing im Himmel gegangen sein wird, an seinen Aphorismen und Bonmots vergnügen.

Entscheide mit Nixon und Ford

Henrys Vermächtnis wird noch jahrzehntelang, vielleicht sogar jahrhundertelang zu diskutieren geben. Man wird ihn für die grossen politischen Entscheidungen preisen und tadeln, die er mit Richard Nixon und Gerald Ford zu einer Zeit traf, in der – woran wir uns erinnern sollten – niemand ahnen konnte, dass die Berliner Mauer nur zwölf Jahre nach Henrys Ausscheiden aus dem Weissen Haus fallen würde. Die Entscheidung der Nixon-Regierung von 1973, sich voll und ganz mit China einzulassen und das Land in das internationale System einzubinden, wird daran gemessen werden, wie sich China in den kommenden Jahrzehnten verhält.

Andrew Roberts ist Historiker und Professor am King’s College London.

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