Donald Trumps rüde Attacke auf Grönland ist unerhört, sie tritt alle völkerrechtlichen Regeln und Gepflogenheiten mit Füssen und bedroht das transatlantische Bündnis. Trotzdem: Nüchtern betrachtet wäre es für diese riesige, unwirtliche Insel und ihre 50.000 Bewohner – zu 90 Prozent Inuit, amerikanische Ureinwohner also – die vernünftigste Lösung.
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Bei ihrer Gründung 1776 umfassten die Vereinigten Staaten von Amerika gerade mal 4 Prozent ihres heutigen Gebietes. Mit dem Pariser Friedensvertrag von 1783 verdoppelten sie ihr Territorium bis zu den Appalachen. Zehn Jahre später verdoppelten sie ihr Revier erneut mit dem Kauf des «Louisiana-Territoriums» von Frankreich für 15 Millionen Dollar. Und so ging es weiter: 1819 kauften sie Florida für 5 Millionen den Spaniern ab, 1853 kauften sie Mexiko ein Gebiet von der doppelten Grössse der Schweiz für 10 Millionen ab, Alaska ging 1867 für 7,2 Millionen von Russland an die USA.
Nicht immer verlief der Transfer friedlich. Mexiko verlor 1845 nach einem Krieg die Hälfte seines Territoriums an die USA, Kalifornien und Texas inklusive. Doch alle neuen US-Territorien hatten eine Gemeinsamkeit: Sie waren nur dünn besiedelt, in der Regel von nomadisierenden Indianer-Stämmen. Und damit rechtfertigten die USA stets ihre Expansion: Wenn wir das Land nicht nehmen, dann nehmen es andere. Die sogenannte Monroe-Doktrin (1823) ist eng damit verknüpft: Die USA lassen keine kolonialen Mächte mehr auf dem Kontinent zu – Amerika den Amerikanern.
Mit dem «Homestead Act» machte Abraham Lincoln 1862 ein Prinzip zum Gesetz, das schon die Gründerväter um Thomas Jefferson verfochten hatten: Das Land gehört dem, der es urbar macht und bewirtschaftet. «Use it or loose it!» (Nutze es oder verliere es). Die grossen Verlierer waren in diesem Fall die Indianer. Soweit sie nicht sesshaft wurden oder sich mit europäischen Siedlern vermischten, wurden sie im 19. Jahrhundert in ihre Reservate vertrieben.
Diese Wildwest-Logik mag uns Europäern fremd und barbarisch erscheinen, doch es ist die Logik, die den ganzen amerikanischen Kontinent geprägt hat. Und dort haben nun mal die Amerikaner das Sagen (womit nicht nur die US-Bürger gemeint sind). Es ist die Logik, mit der auch Donald Trump seinen Griff auf Grönland rechtfertigt.
Bei nüchterner Betrachtung muss man konstatieren: Die Dänen sind weder Willens noch in der Lage, ihre alte Übersee-Kolonie Grönland zu bewirtschaften, geschweige denn zu verteidigen, die 50 000 Grönländer erst recht nicht. Die schmelzenden Gletscher geben derweil nicht nur den Zugang zu Rohstoffen frei, sie eröffnen auch neue Schiffrouten in der Arktis, bei denen Grönland eine strategische Position zukommt. Dieses Vakuum wird früher oder später den Appetit fremder Mächte wecken. Die Vereinigten Staaten sind, neben Kanada vielleicht, als einzige Macht in der Lage, dieses Territorium zu sichern. Und dass sie das nicht gratis tun mögen, ist nachvollziehbar.
So abscheulich Trumps Säbelrasseln anmutet, so vernünftig ist das Anliegen. Voraussetzung ist selbstverständlich, dass ich auch die Grönländer mitmachen. Immerhin müssen sie nicht befürchten, in irgendwelche Reservate vertrieben zu werden. Auf absehbare Zeit ist Grönlands grösstes Problem weiterhin, dass nur wenige Menschen dort leben wollen.