Estlands Geheimdienstchef sieht derzeit keine Hinweise auf einen russischen Angriff auf Nato-Territorium. «So wie sich die Lage aktuell präsentiert, versucht Russland, eine offene Konfrontation mit der Nato zu vermeiden», erklärte Kaupo Rosin, Generaldirektor des estnischen Auslandsgeheimdienstes, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ERR.
Die Warnungen, wonach der Kreml in den nächsten Jahren einen Angriff auf den Westen plane, wies Rosin indirekt zurück. Zwar bleibe das Risiko einzelner militärischer Zwischenfälle aufgrund der angespannten Lage bestehen, doch gebe es bislang keine Anzeichen für eine bewusste Eskalationsstrategie Moskaus. Russland reagiere vielmehr zurückhaltend, seit die Nato koordinierte Gegenmassnahmen auf Vorfälle wie Luftraumverletzungen oder Sabotageakte – darunter beschädigte Unterseekabel – eingeleitet habe.
Russian Presidential Press Service
Rosins Einschätzung steht im Kontrast zu Äusserungen führender westlicher Politiker. Nato-Generalsekretär Mark Rutte hatte kürzlich erklärt, die Allianz müsse sich auf eine militärische Konfrontation mit Russland innerhalb der nächsten fünf Jahre vorbereiten. Der niederländische Premier beschwor in Berlin die Rückkehr «dunkler Mächte der Unterdrückung». Auch Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius und der britische Geheimdienstchef von MI6 warnen vor einer Zuspitzung.
Kremlchef Wladimir Putin hat die westlichen Befürchtungen als Hysterie abgetan, zugleich jedoch erklärt, dass Russland «sofort» zum Krieg bereit sei – falls es dazu gezwungen werde.
Rosin betonte, dass Russland derzeit bemüht sei, den Westen zu beschwichtigen. Putin spreche sogar über einen möglichen rechtlichen Verzicht auf Angriffskriege. Parallel dazu versuche Moskau jedoch, über bestimmte politische Gruppen in Europa Stimmung gegen eine weitere Aufrüstung zu machen.
Die Bezeichnung russischer Aktivitäten als «hybride Angriffe» kritisierte Rosin als verharmlosend: «Wenn es Sabotage ist, dann sollte man es auch so nennen.» Trotz der derzeit geringen Eskalationsgefahr mahnt der estnische Spionagechef zur Wachsamkeit: «Abschreckung funktioniert nur, wenn wir bereit sind, dafür zu investieren – wir in Estland, aber auch die EU und die Nato insgesamt.»