Wer derzeit in den Medien verfolgt, was Ungarn und die Ukraine einander zu sagen haben, der könnte meinen, bald drohe Krieg zwischen den beiden Ländern. Der Ton zwischen Kiew und Budapest ist meistens recht unfreundlich, aber diesmal ist die Schwelle zur offenen Feindseligkeit überschritten.
ZOLTAN FISCHER/HUNGARIAN PM'S PR / KEYSTONE
Es begann mit einem Drohnenangriff der Ukraine gegen ein Element der russischen Drushba-Pipeline. Drushba bedeutet «Freundschaft». Über diese Pipeline fliesst Öl – theoretisch – in einer nördlichen Trasse über Weissrussland in die baltischen Republiken und nach Deutschland (Schwedt). Eine südliche Trasse führt über die Ukraine in die Slowakei und nach Ungarn, weiter nach Tschechien und Kroatien. Der ukrainische Angriff fand auf russischem Gebiet an einer Stelle statt, bevor die Nord- und Südtrassen sich trennen, und traf damit die gesamte Pipeline.
Die baltischen Republiken und Deutschland wollen aus politischen Gründen (Ukraine-Krieg) kein russisches Öl mehr, aber die Energiesicherheit von Ungarn und der Slowakei hängt weiterhin von dieser Pipeline ab. Sie deckt einen grossen Teil der ungarischen Ölimporte zu relativ günstigen Preisen, und aus diesem Öl wird in einer ungarischen und einer slowakischen Raffinerie ein erheblicher Teil des Benzin- und Dieselbedarfs dieser Länder hergestellt. Auch für die Ukraine: Ein Siebtel des ukrainischen Dieselbedarfs wird in der slowakischen Raffinerie des ungarischen MOL-Konzerns hergestellt, sagte CEO Zsolt Hernadi dem ungarischen Portal Mandiner. Dieses werde ausfallen, falls die Drushba-Pipeline ausfällt.
https://mandiner.hu/belfold/2025/08/mar-csak-nehany-orajuk-maradt-az-ukranoknak-a-mol-elore-figyelmeztette-oket-a-kovetkezmenyekre
Insofern reagierte Ungarns Aussenminister Péter Szijjártó scharf: Der Angriff gefährde die Energiesicherheit Ungarns und der Slowakei, beides Mitglieder der EU, der die Ukraine doch beitreten wolle. Er forderte die Ukraine auf, solche Angriffe künftig zu unterlassen – und fügte bedeutungsvoll hinzu, dass der Stromimport der Ukraine zu einem grossen Teil aus Ungarn stamme (März: 42 %). Tatsächlich dürften die Ukrainer Probleme bei der Stromversorgung bekommen, falls Ungarn beschliessen sollte, im Gegenzug die Energiesicherheit der Ukraine zu schwächen.
https://www.vg.hu/nemzetkozi-gazdasag/2025/04/ukrajna-aram-magyarorszag
Szijjártó forderte auch die EU auf, bei der Ukraine zu intervenieren, da die Gefährdung der Energiesicherheit gleich zweier EU-Mitglieder durch einen Drittstaat nicht hinnehmbar sei. Die EU sei hier in der Pflicht. Die recht lakonische Antwort aus Brüssel lautete: Die Energiesicherheit der Slowakei und Ungarns sei keinesfalls in Gefahr.
Die Antwort der Ukraine liess nicht auf sich warten: Es folgte am 17. August ein zweiter Drohnenangriff auf die Drushba-Pipeline. Diesmal reagierte Szijjártó noch schärfer: Ungarn «erwarte», dass die Ukraine von weiteren Angriffen dieser Art absehe. Angriffe gegen die Drushba-Pipeline seien Angriffe gegen «Ungarns Souveränität». Der ukrainische Aussenminister Andrii Sibiha antwortete mit einer bösen Formulierung: Ungarns Energiesicherheit liege in Ungarns eigener Hand. «Diversifiziert und werdet unabhängig von Russland, wie der Rest Europas.»
https://telex.hu/kulfold/2025/08/24/andrij-szibiha-szijjarto-peter-ukrajna-oroszorszag-szuverenitas-energiabiztonsag
Das konnte auch als Drohung verstanden werden: Solange Ungarn russisches Öl kauft, solange wird die Ukraine die Pipeline angreifen. Und tatsächlich: Kaum war «Drushba» am 20. August repariert, da kam es in der Nacht zum 22. zum nächsten und bisher schwersten Angriff, der die Pipeline bis zum 28. ausser Betrieb setzte.
Ungarn reagierte mit bislang beispielloser Härte: Der Kommandeur der Drohnenkräfte, Robert Brovdy, erhielt für drei Jahre ein Einreiseverbot nach Ungarn – und, da Ungarn Teil der Schengenzone ist, theoretisch auch ein Einreiseverbot für die Schengenzone. Freilich reagierte Polen sofort mit einer provokativen Einladung an den Mann.
Pikant: Brovdy heisst mit ursprünglichem, ungarischen Namen Róbert Bródi, er ist ein ethnischer Ungar aus der Karpato-Ukraine. Seine Einheit, die er einst selbst aus eigenen Geldmitteln gründete, heisst dementsprechend «Birds of Madyar» («Vögel des Ungarn»). Er fühlt sich aber als Ukrainer und hat dementsprechend seinen Namen ukrainisiert. Er reagierte mit einer geharnischten Videobotschaft: Der ungarische Minister solle sich seine «Sanktionen in den A…. schieben». Die Wähler der ungarischen Regierung nannte er «Lumpen», von denen es aber immer weniger gäbe. Übersetzung: Bald würde Orbán abgewählt. Er beschuldigte die ungarische Regierung, ihre Hände «tief im Blut» unschuldiger ukrainischer Zivilisten zu haben, denn mit ungarischem Geld für das russische Öl finanziere Russland den Krieg gegen die Ukraine.
Das ukrainische Aussenministerium bestellte den ungarischen Botschafter ein, und Präsident Selensky kündigte harte Gegenmassnahmen an. Szijjártó selbst sagte am 29. August, Ungarn erwarte nun «noch gröbere Schritte der Ukraine, die krassesten, dunkelsten Provokationen».
Das alles kommt nicht von ungefähr. Ungarn – unter der Regierung von Viktor Orbán – hat es zum Kern seiner EU-Politik erklärt, die Ukraine keinesfalls in die Union zu lassen – denn das würde die Wirtschaft ruinieren und alle EU-Mittel für alle anderen Mitgliedstaaten reduzieren. Die Ukraine will deswegen ein Ungarn ohne Orbán.
Das will die EU vermutlich auch, insofern hält sich ihre Verärgerung über die «Gefährdung der ungarischen Energiesicherheit» in spürbaren Grenzen. Ungarns scharfe Rhetorik hat aber auch eine innenpolitische Dimension: 2026 wird ein neues Parlament gewählt, und die Regierungspartei hat ein Narrativ entwickelt, wonach ihr Herausforderer, die neue «Tisza»-Partei unter Péter Magyar, beeinflusst wird von ukrainischen Seilschaften und sogar von ukrainischen Spionen. Der Wahlkampf wird sich nicht zuletzt auch um den ukrainischen EU-Beitritt drehen: Fidesz wird sich als die Partei darstellen, die das verhindern kann, und Tisza als die Kraft bezeichnen, die das zulassen wird.
Zunehmend wird die Ukraine als eine Art Reich des Bösen dargestellt – und umgekehrt kommt es zu Gewalt gegen ethnische Ungarn in der Ukraine. In der ungarischen Öffentlichkeit liess kürzlich der Tod eines ukrainischen Ungarn die Gemüter aufwallen, der als Rekrut offenbar misshandelt wurde – er starb später im Krankenhaus. Ob als direkte Folge von Gewalteinwirkung oder als Folge sonstiger gesundheitlicher Probleme, ist noch offen.
All das spielt sich vor dem Hintergrund angespannter historischer Beziehungen ab. Teile der Karpato-Ukraine gehörten bis 1945 zu Ungarn, es lebt dort eine ungarische Minderheit von nominell 150.000 Seelen. Davon sind kriegsbedingt wohl eher 80.000 noch da. Nach der Wende waren die Beziehungen eigentlich ganz gut, Ungarn unterstützte die Ukraine in ihrem Bestreben, sich in die EU-Strukturen zu integrieren. Im Gegenzug forderte Ungarn weitgehende Minderheitenrechte für die dortigen Ungarn und bekam sie auch.
Aber seit 2015 – also seit der russischen Eroberung der Krim – wurden die Minderheitenrechte wieder reduziert. Das richtet sich vor allem gegen die russische Minderheit, aber die Ungarn sind eben auch betroffen, etwa von der Einschränkung muttersprachlichen Unterrichts. Ungarn fordert eine Rückkehr zum Status quo ante von vor 2015, die ukrainischen Medien hingegen sind voll von Verdächtigungen, Ungarn wolle seine im Weltkrieg verlorenen Gebiete mit russischer Hilfe zurückgewinnen.
Eines ist sicher: Solange der Krieg andauert, wird die Spannung zwischen der Ukraine und Ungarn mindestens bis zu den ungarischen Wahlen weiter steigen.