Die Wiener Migrationsforscherin Judith Kohlenberger hält die Bedeutung der Landessprache für überschätzt – insbesondere bei der Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. «In Österreich gibt es eine starke Fetischisierung der Landessprache», sagte sie im Gespräch mit der Tageszeitung Die Presse. Unternehmen, die Geflüchtete einstellen, müssten mehr Unterstützung erfahren – notfalls auch dann, wenn deren Deutschkenntnisse unzureichend seien. Englisch reiche in vielen Bereichen aus, vor allem im Niedriglohnsektor.
Auch langfristig sieht Kohlenberger Anpassungsbedarf: In ihrem aktuellen Unternehmens-Ratgeber zur «neuen Realität» am Arbeitsmarkt schreibt sie, die Wirtschaft werde künftig «stärker auf Geflüchtete als Arbeitskräfte angewiesen sein». Daher müssten Betriebe ihre Ansprüche an Deutschkenntnisse «herunterfahren», um Integration zu ermöglichen und dem Fachkräftemangel zu begegnen.
Das eigentliche Problem sieht sie jedoch nicht im Verhalten der Zuwanderer, sondern in der Unsicherheit der Mehrheitsgesellschaft. Wer arbeite und Deutsch spreche, könne dennoch als fremd gelten – etwa «wegen der Hautfarbe». Sichtbare, erfolgreiche Migranten würden laut Kohlenberger teils stärker abgelehnt als andere, weil sie als «einflussreicher und vielleicht auch bedrohlicher» wahrgenommen würden. Das führe zu einem «Integrationsparadox», schreibt die Forscherin in einem Kommentar für den Freitag.
Die Migrationsforscherin hat sich in der Vergangenheit wiederholt kritisch zu migrationspolitischen Debatten geäussert. In ihrem Buch «Migrationspanik» beklagt sie, dass Parteien der Mitte rechte Positionen übernommen hätten, um Wähler zurückzugewinnen. Diese Strategie habe rechte Narrative jedoch «salonfähig gemacht» und das politische Spektrum insgesamt nach rechts verschoben. Zugleich wirbt Kohlenberger für Dialogbereitschaft. Rechte Wählerinnen und Wähler dürften im Privaten nicht ausgegrenzt, sondern müssten «respektvoll und auf Augenhöhe» angesprochen werden, um «Echokammern aufzubrechen».