Der forensische Psychiater Frank Urbaniok vermutet hinter der Tat von Kerzers keinen klassischen Terroranschlag, sondern eher die Dynamik eines spektakulären Suizids.
«Man weiss noch zu wenig, um das sicher zu sagen», betont Urbaniok in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger, doch grundsätzlich gebe es drei Modelle: den Attentäter, der gezielt möglichst viele Menschen töten wolle, den erweiterten Suizid und eine Variante, bei der jemand seinen eigenen Tod plane und dabei in Kauf nehme, dass andere stürben.
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Das klassische Attentäter-Modell hält Urbaniok derzeit für weniger wahrscheinlich. «Für mich sieht es eher nach einem Suizid aus», sagt er. Offen sei lediglich, ob der Täter gezielt weitere Opfer eingeplant habe oder ob er deren Tod lediglich in Kauf genommen habe.
Hinweise liefern laut Urbaniok einige bekannte Umstände: Der Mann sei psychisch labil gewesen, habe eine Substanzproblematik gehabt und bereits früher auffälliges Verhalten gezeigt, etwa als er sich in einem Gebäude verschanzt habe. Zudem habe er unter Druck gestanden, weil er den Standplatz für seinen Camper verloren habe.
Möglich sei eine Haltung tiefer Distanz oder Feindseligkeit gegenüber der Gesellschaft. Der Täter könnte sich gesagt haben: «Wenn ich mich schon umbringe, dann nicht still und leise.» In diesem Fall gehe es darum, ein Zeichen zu setzen und «einen grossen Abgang zu machen». Dass die Tat nun landesweit diskutiert werde, zeige, dass dieses Ziel erreicht worden sei.
Urbaniok hält es für möglich, dass nicht eine konkrete Kränkung der Auslöser war, sondern eher eine generelle Entfremdung von der Gesellschaft. Menschen mit einer solchen Haltung könnten zu dem Schluss kommen, das Leben sei sinnlos oder die Gesellschaft feindlich. Das allein könne bereits eine solche Tat begünstigen.
Gleichzeitig warnt der Experte vor vorschnellen Schuldzuweisungen an Behörden. Selbst bei Menschen mit psychischen Problemen sei ein Eingreifen schwierig: «Die Schwelle dafür, dass man stärker interveniert oder einen fürsorgerischen Freiheitsentzug macht, ist sehr hoch.» Ohne konkrete Hinweise auf Gewaltbereitschaft könne der Staat kaum handeln.