Eine historische Rede wollte Frank-Walter Steinmeier halten, in der Tradition seines Vorgängers Richard von Weizsäcker. Deshalb habe er sogar selber Hand an den Text gelegt, liess er verlauten.
Spätestens da wusste man, dass das nichts werden würde. Auch mit Hilfe professioneller Schreiber ist es dem Bundespräsidenten noch nie gelungen, mit einer Rede in Erinnerung zu bleiben. Auch diesmal bediente er sich im Lego-Kasten abgegriffener Floskeln, um den 80. Jahrestag des Kriegsendes zu würdigen.
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Dennoch war die Rede bemerkenswert.
Russlands Anteil am Sieg über den Nationalismus schrumpft zur Randnotiz. Steinmeier dankte «Amerikanern, Briten, Franzosen und all denen», die einen Anteil hatten. Etwa Ukrainern, Weissrussen und – ja, okay – auch Russen.
Moskaus Vertreter waren denn auch nicht eingeladen in den Bundestag. Der einzige Russe, der Zugang hatte, war Dmitri Schostakowitsch, dessen Streichquartett in c-Moll zur Aufführung kam.
Ausdrücklich würdigte Steinmeier die Versöhnung der Deutschen nach dem Krieg – mit Polen, Frankreich, osteuropäischen Ländern, der jüdischen Gemeinschaft. Und mit Russland? Kein Wort.
Unerträglich nannte Steinmeier die Rückkehr des Antisemitismus nach Deutschland. Was er nicht erwähnte: Der Antisemitismus wurde importiert aus islamischen Ländern.
Nicht fehlen durfte die Warnung vor Nationalismus in Europa, wo gefährliche Kräfte nach der Macht griffen. Nicht in Deutschland freilich, dafür sorgt schon der Verfassungsschutz.
Stattdessen könne sich Europa auf die Deutschen verlassen – wegen ihrer schrecklichen Vergangenheit. Daher seien sie «doch am besten geeignet», den Nationalismus zu bekämpfen und die Demokratie zu schützen.
Da war er endlich wieder, der Deutsche, wie ihn die Welt liebt. Der moralische Leuchtturm, der anderen den Weg weist. Hat ja schon ein paarmal ganz prächtig funktioniert.
Und so gelang es Steinmeier doch noch, sich in eine Tradition einzureihen. Leider nicht in die eines Richard von Weizsäcker.