Der Welt-Herausgeber Ulf Poschardt wirft der deutschen Politik und ihren Eliten eine ausgeprägte Realitätsflucht im Umgang mit US-Präsident Donald Trump vor. In einer Kolumne beschreibt Poschardt die scharfe Ablehnung Trumps als moralisches Ersatzprogramm, das von zentralen Problemen wie sinkender Produktivität, Deindustrialisierung und demografischem Niedergang ablenke.
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Trump sei für die deutsche Gesinnungselite der ideale Sündenbock. Anstatt sich mit leistungsfeindlichen Steuern, einem reformbedürftigen Rentensystem, Bildungsproblemen oder einer aus Poschardts Sicht dysfunktionalen Migrationspolitik auseinanderzusetzen, werde moralisiert. Die unausgesprochene Haltung laute: «Wir bekommen zwar nichts hin, wir können nichts, aber wir sind nicht Donald Trump. Und wir sind natürlich auch nicht Wladimir Putin.»
Poschardt sieht darin ein strukturelles Problem. Eine übermächtige akademische Moralelite habe das Gleichgewicht zwischen Leistungs- und Gerechtigkeitskultur zerstört. Diese Entwicklung habe nicht nur Trump genutzt, sondern in Deutschland auch der AfD.
Während andere Länder Europas wirtschaftlich pragmatisch agierten, verliere Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit. Stärke, so Poschardt, beeindrucke Akteure wie Trump oder Wladimir Putin – moralische Selbstüberhöhung dagegen nicht. Die exzessive Kritik an Trump diene vor allem der Selbstheroiserung und ersetze reale Politik durch Gesinnung.