Die internationale humanitäre Hilfe steht unter massivem Druck: Pierre Krähenbühl, Generaldirektor des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), warnt angesichts weltweiter Kürzungen vor einer Eskalation der humanitären Krise – besonders in Konfliktgebieten wie Gaza. Zwar sei der Beitrag der USA bislang nicht betroffen, doch der drohende Rückzug grösster Geberländer könne das IKRK empfindlich treffen.
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«Der US-Beitrag macht 25 Prozent unseres Budgets aus», sagte Krähenbühl im Interview mit der Zeitung Le Temps. Noch sei diese Finanzierung stabil, doch allein zwischen 2023 und 2024 habe das IKRK sein Budget von 2,8 auf 2,1 Milliarden Franken senken und 4500 Stellen abbauen müssen. Die Organisation halte daher engen Kontakt mit Washington. Präventivmassnahmen wie ein Einstellungsstopp seien bereits umgesetzt worden.
Besonders alarmierend sei die Situation in Gaza, dies sei ein «absolutes Inferno», so Krähenbühl. Die medizinische Infrastruktur sei praktisch zerstört, Menschen könnten nicht mehr zu Spitälern gelangen, Tausende seien vermisst. Die IKRK-Hilfe vor Ort beschränke sich aktuell auf ein Feldspital in Rafah, punktuelle Medikamentenverteilung sowie Wasser- und Nahrungsmittelhilfe.
Krähenbühl kritisiert die Tendenz, die Lösung bewaffneter Konflikte ausschliesslich humanitären Organisationen zu überlassen. Die Staaten müssten «viel mehr in die Prävention investieren». Dass humanitäre Helfer zunehmend ins Visier geraten, sieht er als Ausdruck eines beunruhigenden Trends: Diese Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leid sei zutiefst verstörend.
Auch die humanitäre Rechtsordnung sei durch die Vielzahl an Verletzungen in Gaza, Israel, der Ukraine oder im Jemen stark unter Druck geraten. Trotzdem sei sie unverzichtbar, betont Krähenbühl: Das humanitäre Völkerrecht rette Leben – und es erinnere daran, dass es keine neue Katastrophe brauche, um vernünftig zu handeln.