Was muss man über die Schiiten wissen, um sie zu verstehen? Der schiitische Glaube ist in seinem Kern eine Märtyrerreligion. Er führt sich zurück auf den Schwiegersohn Mohammeds, der um seine Ansprüche gebracht wurde und als Märtyrer unterging. Dieses Motiv des Leidens und des heroischen Untergangs sitzt tief, wie auch der legendäre Journalist Peter Scholl-Latour in seinen Werken ausführt.
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Wir haben bei den Schiiten nicht mit einem rationalen Akteur nach westlichem Muster zu tun, der bei einer Kosten-Nutzen-Rechnung sofort kapituliert. Wir erinnern uns an den Iran-Irak-Krieg: Da wurden Kinder der Revolutionsgarden auf Minenfelder vorgeschickt – mit einem fast schon suizidalen Jenseitsglauben. Man ging für den Propheten und seine Stellvertreter buchstäblich in den Tod. Dieses enorme Opferbewusstsein ist eine Realität, die man nicht einfach mit Mickymaus-Diplomatie wegwischen kann.
Während die Amerikaner und Israelis nun glauben, nach der Schwächung des Iran die Verhältnisse in ihrem Sinne neu ordnen zu können, unterschätzen sie möglicherweise die religiöse Eigendynamik. Der Iran ist ein grosses Land mit einem gewaltigen Waffenarsenal. Wenn man eine Macht in die Enge treibt, die den Untergang nicht fürchtet, sondern ihn religiös verklärt, dann ist das Risiko eines weltweiten Flächenbrands keine Theorie mehr, sondern eine reale Gefahr.
Die Medien scheinen auf beiden Augen blind, wenn es um diese Themen geht. Man projiziert sein eigenes Wunschbild auf die Welt, anstatt die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Wer glaubt, der Iran sei keine Bedrohung, irrt sich genauso wie derjenige, der glaubt, man könne diese religiöse Kraft einfach wegbomben.
Es bräuchte daher keine Weltretter-Rhetorik, sondern eine Rückkehr zur Besonnenheit. Und besonders die Schweiz täte gut daran, sich aus diesen religiös aufgeladenen Konflikten strikt herauszuhalten.
