Die Ermordung von Ajatollah Ali Chamenei gehört zu den folgenreichsten Ereignissen in der jüngeren Geschichte des Nahen Ostens. Auch wenn sich das volle Ausmass der Folgen derzeit noch nicht absehen lässt, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie zu einer grundlegenden Verschiebung der Machtverhältnisse im Iran und zu einer Veränderung der regionalen Ordnung führen wird.
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Mit fast 87 Jahren konnte Chameneis natürlicher Tod ohnehin nicht mehr weit entfernt gewesen sein. Schon lange war meine Einschätzung, dass sein Tod zu einer deutlichen Kurskorrektur in den Kernpolitiken der Islamischen Republik führen würde – ähnlich wie es in China nach dem Tod Mao Zedongs im Jahr 1976 geschah.
Der Grund liegt darin, dass es ihm nicht gelungen ist, eine neue Generation überzeugter islamistischer Revolutionäre heranzubilden, die den von ihm gewünschten ideologischen Kurs fortsetzen könnten. Seine Ideologie fand in der iranischen Gesellschaft nur wenig Resonanz. Ebenso wichtig ist, dass die militärischen und politischen Eliten, die in der Islamischen Republik gemeinsam die Macht tragen, weniger ideologisch und deutlich pragmatischer sind als er: weniger fixiert auf seine fanatische Auslegung der Ziele der Revolution von 1979 und stärker orientiert an den praktischen Anforderungen, einen grossen Nationalstaat im Jahr 2026 zu regieren.
Chameneis gewaltsamer Tod im Krieg ist zwar ein unberechenbarer Faktor, ändert jedoch nichts an dieser grundsätzlichen Einschätzung. Dennoch ist es wahrscheinlich, dass die Macht zunächst in den Händen von Regimeinsidern bleibt – auch wenn dies keineswegs garantiert ist. Beide Seiten scheinen entschlossen, den Krieg zumindest noch eine Zeit lang fortzusetzen.
US-Präsident Trump wiederum möchte sicherstellen, dass Chamenei durch eine grundsätzlich andere Persönlichkeit ersetzt wird. Er könnte den Krieg ausweiten, um dieses Ziel zu erreichen, oder darauf setzen, dass es zu einer grundlegenderen Abkehr von der Islamischen Republik kommt. Wie auch immer sich die Dinge entwickeln: Die Ausschaltung Khameneis wird sich als ein Ereignis von grosser Tragweite erweisen.
Die Umstände seiner Tötung bleiben rätselhaft. Die Geschwindigkeit, mit der er aufgespürt und getötet wurde, könnte auf Inkompetenz innerhalb der Islamischen Republik hindeuten. Seine Entscheidung jedoch, sich nicht zu verstecken, obwohl die Gefahr für sein Leben offensichtlich war, lässt sich auch als Versuch deuten, bewusst das Martyrium zu suchen. Chamenei wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit auf dieser Welt blieb, und wollte offenbar als schiitischer Märtyrer sterben – als eine Art moderner Imam Hussein.
Doch die iranische Geschichte wird ihn wahrscheinlich nicht als heroische Figur erinnern. Vielmehr dürfte seine hartnäckige Ablehnung jeglicher Reform sowie seine ungeschickte Politik, die Iran in einen Krieg führte, den er stets zu vermeiden versprach, als verhängnisvoll für sein Land bewertet werden. Es ist eine Sache, den eigenen Tod zu suchen – eine ganz andere, wenn ein ganzes Volk den Preis dafür zahlt.
In diesem Zusammenhang zeigt seine Entscheidung, seine Familie zum Zeitpunkt seines Todes bei sich zu haben – darunter auch kleine Enkelkinder – eine makabre Seite seines Martyriumsdramas. Er war offenbar bereit, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das unschuldiger Familienmitglieder zu opfern. Es wirkt wie eine Parabel: ein Vater, der das Leben seiner Kinder nicht schützt und seine ideologische Inszenierung über ihr Wohl stellt – so wie ein Führer, dem auch das Leben seines eigenen Volkes gleichgültig war.
Arash Azizi ist gebürtiger Iraner. Er doziert an der Yale University die Geschichte des Iran und des Nahen Ostens sowie der sozialen Bewegungen. Zuletzt von ihm erschienen: «What Iranians Want: Women, Life, Freedom».