Im Krieg mit dem Iran steht mehr auf dem Spiel als ein regionaler Konflikt. Amerikanische Angriffe auf iranische Marineeinheiten, Berichte über mögliche Seeminen in der Strasse von Hormus sowie anhaltende Raketen- und Infrastrukturattacken zeigen: Der Krieg hat das Potenzial, weit über den Nahen Osten hinauszuwachsen. Zwei Szenarien zeichnen sich ab.
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Szenario 1: Der begrenzte Krieg
Im günstigeren Fall bleibt der Konflikt militärisch begrenzt und relativ kurz. Im Visier von Donald Trump und Benjamin Netanjahu stehen strategische Ziele des Iran: Raketenstellungen, Militärbasen, nukleare Anlagen. Teheran antwortet mit Angriffen auf Israel und auf Ziele am Persischen Golf.
Auch Angriffe auf Golfstaaten könnten anhalten sowie Attacken der Hisbollah auf Israel – aber unterhalb der Schwelle, die eine grössere Eskalation auslöst. Irans Verbündete in der Region würden nur begrenzt eingreifen oder ihre Aktivitäten unter internationalem Druck zurückfahren.
In diesem Szenario setzen rasch diplomatische Vermittlungsversuche ein – etwa durch die USA, Oman, Katar oder europäische Staaten. Entscheidend wäre, dass die Strasse von Hormus offen bleibt. Dann könnten sich Energiepreise und Märkte nach einem ersten Schock wieder beruhigen.
Szenario 2: Der Flächenbrand
Das andere Szenario wäre eine regionale Explosion. Der Iran könnte nicht nur verbündete Milizen und Terrorgruppen aktivieren, sondern auch stärker als bisher Israel sowie amerikanische und westliche Stützpunkte angreifen.
Mehrere Fronten könnten gleichzeitig aufbrechen: zusätzliche Raketen der Hisbollah aus dem Libanon, Attacken schiitischer Milizen aus dem Irak und Angriffe der Huthi im Roten Meer. In iranischen Analystenkreisen wird bereits darüber spekuliert, auch die strategische Meerenge Bab al-Mandab stärker in den Konflikt hineinzuziehen.
Besonders gefährlich wäre eine Ausweitung auf die wichtigsten Energierouten der Welt. Würde Teheran versuchen, den Schiffsverkehr in der Strasse von Hormus zu blockieren – etwa durch Minen oder Angriffe auf Tanker –, würde ein grosser Teil der globalen Ölversorgung bedroht. Die Energiepreise könnten explodieren.
Auch ein Angriff auf die iranische Ölinsel Kharg wäre ein strategischer Schock. Er träfe Irans wichtigsten Exportknoten – und würde den globalen Ölmarkt in Turbulenzen stürzen.
Der lange Krieg
Für Teheran steht ein Waffenstillstand derzeit nicht zur Diskussion. Ein Ende der Kämpfe sei sinnlos, wenn der Iran wenige Monate später erneut angegriffen werde, meinte dieser Tage der stellvertretende Aussenminister Kassem Gharibabadi.
Die Islamische Republik setzt auf einen ihrer grössten Vorteile: Durchhaltefähigkeit. Aus iranischer Sicht untergräbt ein langer Abnutzungskrieg die anfängliche Entschlossenheit der Gegner stärker als eine kurze militärische Entscheidung.
Je länger der Konflikt dauert, desto eher – so die Hoffnung in Teheran – sind die USA bereit, einer Waffenruhe zuzustimmen, bei der der Iran die Bedingungen diktiert.
Erste Anzeichen dieses Szenarios lassen sich bereits erkennen. Deutschland und Europa hätten kein Interesse an einem endlosen Krieg oder am Zerfall des iranischen Staates, warnte Bundeskanzler Friedrich Merz. Ein Kollaps des Iran könnte schwere wirtschaftliche Folgen haben – und neue Migrationsbewegungen auslösen.
Genau darauf könnte Teheran setzen: weiter eskalieren, bis im Westen die Schmerzgrenze erreicht ist.