Ein Kommentar im Wall Street Journal stellt die gängige Vorstellung eines weit verzweigten Erpressungs- und Missbrauchsrings rund um Jeffrey Epstein grundsätzlich infrage. Autor Barton Swaim argumentiert, die jüngst freigegebenen Ermittlungsakten zeigten vor allem eines: dass ein solcher Ring nie existiert habe. Entscheidend sei ein FBI-Vermerk, wonach in Epsteins Häusern und Konten keinerlei Hinweise auf ein Netzwerk, «Sexvideos» oder ein systematisches Blackmail-System gefunden worden seien. Dies widerspricht laut Kommentar sowohl früheren Anschuldigungen von Politikern als auch Verschwörungserzählungen, die sich seit Jahren um den Fall ranken.
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Swaim verweist zudem auf ein 86-seitiges Memo der Staatsanwaltschaft von 2019, das die Schlüsselzeugin Virginia Giuffre als «unzuverlässig» beschreibt. Der Kommentar stellt fest, dass die Hoffnungen verschiedener politischer Lager, Trump oder Clinton könnten durch neue Akten belastet werden, ins Leere liefen. Ein FBI-Dokument halte sogar fest, dass Donald Trump bereits 2006 gegenüber der Polizei «völligen Abscheu» über Epsteins Verhalten geäussert habe und eine Situation mit minderjährigen Mädchen «sofort verlassen» habe. Auch Hinweise auf eine mögliche Erpressbarkeit Bill Clintons ergäben sich laut Swaim nicht: «Letztendlich gab es keinen Sexsklavenring, keine Erpressungsaktion, keine Kameras, die Liebschaften für spätere Zwecke aufzeichneten, keine Kundenliste. Nur ein zutiefst krankes und reiches Raubtier mit ein paar Helfern.»
Einen «Ring» habe es dennoch gegeben, schreibt Swaim – allerdings nicht im strafrechtlichen Sinne. Gemeint sei ein Zirkel prominenter, meist liberaler Männer, die trotz Gerüchten und offenkundigen Warnsignalen engen Kontakt zu Epstein hielten und von seinem gesellschaftlichen Netzwerk profitierten. Die Unterscheidung zwischen jenen, die nach Epsteins Verurteilung 2008 Abstand nahmen, und solchen, die weiterhin mit ihm verkehrten, hält der Autor für wenig relevant.
Für Swaim ist die eigentliche Lehre aus den Dokumenten politischer Natur: dass einflussreiche Kreise bereit gewesen seien, Epstein zu ignorieren, solange er ihnen nützte. Die öffentliche Debatte richte sich heute gerne auf angebliche Pathologien der politischen Rechten. Bemerkenswert sei jedoch, so der Kommentar, dass «der Mann, den Liberale am meisten verachten, schon 20 Jahre zuvor den Raum verlassen hat, als er sah, womit Epstein sich umgab».