Die europäische Wirtschaft läuft Gefahr, den Anschluss bei der künstlichen Intelligenz zu verlieren, falls die Politik technologische Souveränität über wirtschaftliches Wachstum stellt. Unter dem Strich zeige sich, dass ein starres Festhalten an «Europe first»-Prinzipien in Sachen KI wenig effizient sei, wenn dadurch der Zugang zu weltweit führenden Technologien erschwert werde. Zu diesem Schluss kommt Siemens-Chef Roland Busch in einem Interview mit der Financial Times, in dem er vor den Folgen einer Abschottung gegenüber US-amerikanischen Anbietern warnt. Laut Busch wäre es fatal, die Innovationsgeschwindigkeit zu drosseln, nur um eine theoretische Unabhängigkeit zu schaffen, während der globale Wettbewerb in den USA und China bereits Fakten schafft.
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Die strengen EU-Vorschriften erweisen sich aktuell als schwerer Klotz am Bein der digitalen Transformation und führen dazu, dass Grosskonzerne wie Siemens Investitionen in Milliardenhöhe bevorzugt in Übersee tätigen. Während die US-Wirtschaft durch den Einsatz bestehender KI-Werkzeuge wie ein «schnell fliessender Fluss» agiert, gleicht das europäische Ökosystem laut Busch eher einem «stehenden Gewässer». Busch mahnt, dass die EU im Rennen um leistungsstarke KI-Tools noch weiter zurückfallen könnte, wenn sie ihre Regulierung nicht drastisch vereinfacht.
Trotz dieser Warnungen plant die Europäische Kommission für Mai ein «Technologie-Souveränitätspaket», das die heimische KI-Industrie und Cloud-Infrastruktur stärken soll. Busch sieht darin jedoch die Gefahr einer Fehlpriorisierung: Verzögerungen bei der Einführung von KI – sei es durch Sicherheitsbedenken, überbordende Bürokratie oder den Drang nach einer rein «souveränen» Infrastruktur – würden das wirtschaftliche Wachstum massiv ausbremsen. Besonders kritisch sieht er, dass die EU-Regulierung kaum zwischen privaten Anwendungen und industrieller Datennutzung unterscheidet, was Unternehmen unnötige Steine in den Weg legt.
Zwar investiere Siemens weiterhin in Deutschland, lasse aber anderen Märkten mit weniger restriktiven Rahmenbedingungen den Vortritt, um die eigene Wettbewerbsfähigkeit nicht aufs Spiel zu setzen.