Kriegsrhetorik – sie ist in den deutschen Medien und der Politik zur Realität geworden.
Kriegstreiber, Kalte Krieger und Westentaschen-Generäle versuchen, das Denken der Bürger im Land durch eine Sprache zu besetzen, die die Grundzüge kriegsvorbereitender Propaganda trägt. Aufwuchs, Heimatschutz, Abwehr, Verteidigung, Kampf, Ostflanke und so weiter: Begriffe, Formulierungen, Ausdrucksweisen, die normalerweise im Militär zu finden sind, dringen immer tiefer in die öffentliche Kommunikation ein – und damit, über kurz oder lang, auch in das Bewusstsein der Bürger.
PATRICK PLEUL / KEYSTONE
Unter der politisch gesetzten und medial flankierten «Zeitenwende» ist eine Sprache zurückgekehrt, die nichts Gutes verheisst. Vor unseren Augen zelebrieren Politiker und Journalisten förmlich eine Sprache, die endlich als das benannt werden muss, was sie ist. Es ist die Sprache des Krieges. Das Gefährliche hierbei ist: Sprache, Denken und Handlung sind eng miteinander verknüpft. Aus dem Denken entstehen einerseits Begriffe, andererseits formen, lenken und infiltrieren Wörter unser Denken. Und aus Gedanken und aus Worten schaffen Menschen Realität. Wo die Sprache des Krieges Einzug hält, wo sie einen fruchtbaren Boden findet, sich immer weiter ausbreiten kann und immer wieder aufs Neue gedüngt wird, droht auch der Krieg in die Realität zu rücken.
«Verteidigung: Wo Russland die Nato provoziert hat», lautet eine aktuelle Schlagzeile im Handelsblatt. «Verteidigung: Jens Spahn fordert schnellen Aufbau einer Drohnenabwehr», heisst es in der Zeit. «Nato warnt Russland: Militärische Verteidigung bei weiteren Luftraumverletzungen», ist vonseiten des Redaktionsnetzwerks Deutschlands zu lesen. «Wollen uns dem Wettrüsten stellen – Dobrindt plant Drohnenabschuss durch Bundeswehr», lautet eine Überschrift der Welt.
Zu Medienbeiträgen dieser Art gesellen sich Aussagen wie etwa die vom deutschen Aussenminister Johann Wadephul: «Russland wird immer ein Feind für uns bleiben.» Oder die von Roderich Kiesewetter: «Der Krieg muss nach Russland getragen werden.»
Gerade lautet eine Überschrift von BR 24: «Deutschland im Ernstfall: Braucht jede einzelne Person». In dem Interview erklärt ein Experte, dass im «Ernstfall» die Politik bestimmen könne, an welchem Ort ein Bürger zu arbeiten habe, wie zum Beispiel: «Ärzte werden vielleicht nicht mehr im Südwesten Deutschlands gebraucht, sondern im Osten, weil dort viele Verwundete zu erwarten sind.»
All diese Aussagen, all diese Überschriften, all diese Wörter reihen sich wie Perlen an eine Kette. Und diese Kette wird immer länger. Noch – so der Eindruck – gelingt es dieser massiven Kampagne nicht, die deutsche Gesellschaft zur gewünschten Kriegstüchtigkeit zu bewegen.
Die Kriegsrhetorik, die Kriegspropaganda: Sie verfängt bei einigen, aber nicht in der Breite. Das ist ein Lichtblick.
Nur: Wie wird es weitergehen? Wohin sollen die Denkkategorien des Militärischen in Politik und Medien Deutschland führen? Die kriegerische Churchill-Rhetorik der deutschen Politiker ist jedenfalls reines Gratisheldentum – vom sicheren Bürosessel aus.