Europa diskutiert über Kunst und Kommerz, während Hollywood den Kommerz zur Kunst globaler Unterwanderung entwickelt. Europa redet, Hollywood handelt. Europa ist Medienprovinz mal 27, versucht sich immer wieder zusammenzuraufen, gründete alle möglichen Co-Produktions-Einrichtungen, vor allem aber einen Preis dafür, Einheit zu demonstrieren: den Felix, gedacht als nationenübergreifender Europa-Preis und Antwort auf den grossen Bruder Oscar. Lang hat der 1988 aus der Taufe gehobene Felix nicht überlebt. Ende der 1990er Jahre liess man ihn fallen und kreierte eine neue, namenlose Trophäe für den «europäischen Filmpreis». Aber so wenig es den europäischen Film als Gattung oder ästhetische Norm gibt, bleibt auch der namenlose Preis in seiner Definition dubios, umweht mit dem Odium eines Staatspreises. Denn die Preisträger umweht die Aura des Elitären. Der Oscar verkörpert Kommerz im besten und lässigen Sinn, der europäische Filmpreis Subvention – in verbiestert quengeligem Sinn. Es fehlt ihm einfach jene Voraussetzung, die Hollywood den globalen Erfolg bescherte: ein international präsentes und wirksames Starsystem, die Neigung zu radikal einfachen Lösungen und Rezepten, die Differenzierung oder Problematisierung überlegen ist, und schliesslich ihre simple Philosophie, dass alles, was nicht fun (Vergnügen) ist, als boaring (langweilig) gilt.
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Und der Oscar, diese goldene Statue, strahlt genau das aus. Der erste Preisträger war ein Stummfilm, aber «Wings» (1927/28) erfüllte mit seinen Luftaufnahmen, den Action-Szenen an Frankreichs Front, der handfesten Story, besetzt mit Stars (Clara Bow, Gary Cooper) und dem Zugriff auf Emotionen, enthielt schon all diese Ingredienzien, die bis heute das wirkungsmächtige Image des Oscars prägen, egal ob die «Academy of Motion Picture Arts und Sciences», die den Oscar erfand, sich den Moden und politischen Prägungen anzupassen verstand und versteht und souverän auch Kapitalismus-kritische Filme wie «Nomadland» gleich dreifach mit Oscars verkraftet (2021); denn auch sie erfüllen alle Kriterien: die Popularität, ein in allen Kulturen rezipierbares, in jeder Sprache leicht übersetzbares Massen-Entertainment. In diesem Jahr wurde sogar ein Horrorfilm für sechzehn Oscars nominiert! «Sinners» ist durch und durch «pop», «fun», «emotional», aber zugleich von fulminanter Rassismus-Polemik.
Immer wieder versuchten und versuchen andere Länder, Hollywood zu kopieren, ihr kommerzielles Entertainment, ihre zupackende, wirkungsvolle Technik der Dialoge, ihre Drehbücher, Filmmusik, Actionsequenzen, engagieren, wenn sie es sich leisten können, einen Star – doch die Ergebnisse sind meist dürftig. Ausserdem hat der Oscar auch das «Jagdgebiet» des «nichtenglischsprachigen Films» mit dem Oscar für den «besten fremdsprachigen Film» okkupiert. Mag zum Beispiel der norwegische Film «Sentimental Value» mit Recht den diesjährigen «europäischen Filmpreis» gewonnen haben, die Oscar-Nominierung wird ihm selbst dann mehr Renommee einbringen, wenn es nur, angesichts beeindruckender Konkurrenz, bei einer Nomination bleiben sollte.
Eigentlich war die Trophäe dazu gedacht, vom Hass aufs windige Gewerbe durch Puritaner abzulenken, nur entwickelte sie sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem Pontifex maximus des Showbiz mit wundersamer Heilswirkung. Die Glanzikone spricht ihre Gebenedeiten quasi heilig und erhebt ihre Werke zu globalen Sehenswürdigkeiten. Deshalb will die halbe Welt nach wie vor an der Hochmesse und alljährlichen Segnung teilnehmen.