Es gibt im Sport zwei Arten von Comebacks: die, die man bewundert – und die, bei denen unter dem Pathos schiere Verzweiflung aufblitzt.
Lindsey Vonn, 41, amerikanische Skilegende, will an den Olympischen Spielen starten – mit einem frisch gerissenen Kreuzband. Nicht gezerrt, nicht angeschlagen. Gerissen. Komplett. Dazu ein lädierter Meniskus. Und die Welt reagiert mit glänzenden Augen: Was für ein Wille! Was für ein Kämpferherz!
Pier Marco Tacca/AP Photo/Keystone
Ich selbst hatte einen Kreuzbandriss. Ich weiss, was das heisst: monatelange Reha, mühsame Stabilitätsarbeit, ein Knie, das jede Unachtsamkeit quittiert. Ein Kreuzbandriss ist eine Zäsur, die dich zwingt, deine eigene Unverwundbarkeit infrage zu stellen.
Im Profisport gelten andere Regeln. Da stehen Ärzte am Start, Physios, Coaches. Es gibt Bildgebung, Schmerzmittel, Orthesen, mentale Techniken. Und ja: Mit viel Muskulatur, Adrenalin und Technik kann man ein instabiles Knie stabilisieren – zumindest für den Moment.
Aber: Machbar heisst nicht sinnvoll. Das Perfide am Kreuzbandriss ist nicht der Schmerz. Den kann man betäuben. Was man nicht wegspritzen kann, sind die Spätfolgen: Meniskusschäden, Knorpelabrieb, Arthrose.
Vonn geht dieses Risiko nicht im Verborgenen ein. Sie inszeniert es auf der grossen Bühne – und wird dafür gefeiert. Und genau das ist das Problem.
Natürlich darf eine Spitzensportlerin mit ihrem Körper tun, was sie für richtig hält. Ja, es ist ihr Traum, ihr Risiko, ihre Zukunft. Olympia ist keine Bühne für Zurückhaltung – und Vernunft kein Sponsor.
Im Moment lautet die Botschaft: Wer trotz kaputtem Kreuzband fährt, ist ein Held. Wer auf seinen Körper hört, hat zu wenig Biss. Das ist die falsche Lektion.
Vielleicht ist Vonns Comeback gar kein Triumph über eine Verletzung – sondern der Triumph der Sportindustrie über den Körper.