In Rumänien ist die Enttäuschung über die politischen Eliten weitverbreitet. Korruption und eine Mentalität der Selbstbedienung haben den Ruf von Politikern schwer beschädigt.
Beim zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen am Sonntag standen sich zwei Kandidaten gegenüber, die beide diese Elitenkultur ablehnen. Gewonnen hat der gemässigtere: Nicusor Dan, der parteilose Bürgermeister von Bukarest.
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Der Doktor der Mathematik, der in seiner Jugend in dieser Disziplin bei Wettbewerben mehrere internationale Titel gewann, begann seine politische Laufbahn als Aktivist. Er kämpfte gegen illegale Bauprojekte und für den Erhalt historischer Gebäude. Seine Klagen gegen korrupte Stadtverwaltungen machten ihn landesweit bekannt.
Aus diesem Engagement wuchs eine Partei, die er nach kurzer Zeit aber wieder verliess, um seine Bewegung offen für alle zu halten. 2020 gelang ihm die Wahl zum Bürgermeister von Bukarest, wo er das marode Fernwärmenetz und die Finanzen sanierte und das öffentliche Verkehrsnetz stärkte.
Kritiker monierten, die Fortschritte erfolgten zu langsam. Dennoch wuchs Dans Ruf als glaubwürdiger, sachorientierter Politiker abseits von Ideologien. Meist wird er eher schwammig als liberal-konservativ beschrieben.
Der Sieg gegen den nationalkonservativen George Simion, der nach dem ersten Wahlgang als Favorit gegolten hatte, ist aus Sicht vieler Beobachter diesem persönlichen Profil zuzuschreiben. Zwar dürfte mitgespielt haben, dass Nicușor Dan im Gegensatz zu Simion als EU-freundlich und pro-westlich gilt. Stärker ins Gewicht fiel aber wohl die Sehnsucht der Rumänen nach Stabilität, wie sie Dan ausstrahlt.
Der neue Präsident lebt mit seiner Familie bescheiden in einer Mietwohnung. Es waren solche kleinen Details, die seinen Kampf gegen Korruption und Auswüchse der Eliten bei den Wählern glaubwürdig machten. Ob er auch an der Spitze des Staats daran festhält, wird sich zeigen.