Greta Thunberg segelt nicht mit ihrer umweltfreundlichen Flottille über das Kaspische Meer, um sich mit iranischen Demonstranten zu solidarisieren. Javier Bardem, Angelina Jolie oder Mark Ruffalo nutzen ihre Reichweite nicht, um iranische Stimmen zu verstärken. Man hört keine Rufe wie «Tod der IRGC» auf Konzerten. Es gibt keine Hungerstreiks von Prominenten, keine eilends verabschiedeten Resolutionen von Studierendenvertretungen, keine Universitätsbesetzungen. Dieselben Aktivisten, die palästinensische Flaggen über Big Ben hissten und westliche Campus lahmlegten, sind heute unauffindbar. Ihr Schweigen ist so auffällig wie ihr früherer Aktionismus.
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Dabei ist das Ausmass der Gewalt nicht zu übersehen: Rund 30.000 Tote (Time-Magazin), Hunderttausende Verletzte. Repression in einem Ausmass, das eigentlich weltweite Aufmerksamkeit erzwingen müsste. Stattdessen herrscht dröhnende Stille.
Das Versagen jener politischen Milieus, die sich auf universelle Gerechtigkeit berufen, sie aber ideologisch filtern, ist entlarvend. In weiten Teilen der Linken gilt offenbar: Verbrechen sind nur dann skandalös, wenn sie von den «Richtigen» begangen werden. Ein antiwestliches Regime passt nicht ins Feindbild, aufständige Iraner sprengen die bequeme Erzählung von Opfer und Täter.
Die internationalen Institutionen tragen ihren Teil zu dieser Normalisierung des Wegsehens bei. Es gibt Berichte, Resolutionen, Sitzungen – aber keine Dringlichkeit, keinen Druck, keine Empörung, die den Namen verdient. In grossen Teilen der arabischen und islamischen Welt gilt dasselbe Muster: maximale Mobilisierung für Gaza, minimale Solidarität für iranische Frauen und Männer, die für ihre Freiheit ihr Leben riskieren.
Der Iran ist damit mehr als ein weiteres Krisenland. Er ist ein Spiegel. Er zeigt, wie brüchig das Bekenntnis zu universellen Werten ist.
Denn westliche Protestbewegungen funktionieren seit Jahren entlang einfachen, moralisch bequemen Deutungen: Der Unterdrücker ist der Westen oder ein Verbündeter des Westens, das Opfer ist «der globale Süden». Iran sprengt dieses Raster. Das Regime ist offen antiwestlich, antiamerikanisch, antisemitisch – und lässt sich deshalb nicht als Projektionsfläche für die üblichen Schuldmärchen nutzen.
Und schliesslich ist da die Angst. Angst davor, dass Solidarität mit den Opfern im Iran als Kriegspropaganda verstanden werden könnte. Angst davor, in den Verdacht zu geraten, Israel oder die USA zu unterstützen. Also entscheidet man sich für das scheinbar geringere Risiko: Schweigen zum Massaker im Iran.
Dieses Schweigen ist nicht neutral. Es ist eine Entscheidung: bequem, kalkuliert – und moralisch bankrott.