Loslassen ist schwierig. Das gilt für den Job, für eine Partnerschaft, für ein liebgewordenes Ritual, sogar für das eine oder andere Laster. Deshalb besuchen Ruheständler gerne ihre alte Firma, halten Menschen an gescheiterten Beziehungen fest oder schaffen es nicht, endlich auf die Erdnüsse vorm Fernseher zu verzichten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier.
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Dass Robert Habeck kaum einen Monat nach seinem Rückzug aus der Politik in den Kommunalwahlkampf in Köln eingreift, verwundert daher nicht. Hinzu kommt, dass es für die Grünen in der Stadt des rheinischen Frohsinns um viel geht. Habeck hat seiner Partei viel zu verdanken. Vielleicht will er einfach was zurückgeben. Und in den entscheidenden Wählermilieus ist er immer noch ein Politstar.
Aber Habeck stand in Köln nicht nur aus Parteidisziplin auf der Bühne. Wer einmal vom süssen Gift der Aufmerksamkeit gekostet hat, wer über Jahre in Dutzende Kameras und vor Hunderten begeisterter Anhänger gesprochen hat, ist wie ein Junkie auf Entzug. Dabei ist es egal, ob man Zustimmung oder Ablehnung erfährt. Entscheidend ist, dass man noch wahrgenommen wird.
Habeck hat sich seinen Endorphinkick durch billigen Applaus geholt: indem er dazu aufrief, der AfD eins auszuwischen. Die ehemalige Kanzlerin Merkel versucht hingegen, das zu retten, was sie für ihr Lebenswerk hält, und mischt sie sich daher immer wieder in Debatten ein. Und auch Christian Lindner zeigt sich wieder in der Öffentlichkeit – bemüht um ein Image als Elder Statesman.
Man kann das kritisieren. Aber das wäre unfair. Wir müssen uns entmachtete Politiker als Drogenabhängige auf kaltem Entzug vorstellen. Und wir – die Mediennutzer, die Journalisten, die Bürger – sind die Dealer, die diesen Menschen immer wieder die Droge der Aufmerksamkeit vor die Nase halten. Wir sollten lernen, ihnen einfach keinen Stoff mehr anzubieten.