Der hat gesessen. Das Interview mit Rudolf Strahm in der NZZ bleibt in Bundesbern talk in town. Der SP-Doyen wirft seiner Partei nicht nur vor, das Thema Zuwanderung sträflich vernachlässigt zu haben. Die Fundamentalkritik zielt auf die Kompetenz im eigentlichen Kerngebiet der Sozialdemokratie, die Interessen der Arbeitsbevölkerung, die der heutigen Parteispitze abhandengekommen sei. «In der SP haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten nur wenige für die Bekämpfung des Fachkräftemangels starkgemacht», sagt Strahm, «nicht einmal aus bösem Willen, die Partei kennt sich schlicht nicht mehr aus.»
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Der Vorwurf tut weh, nicht nur weil dieser mit Strahm von einem erfahrenen Ökonomen kommt. Sondern vor allem, weil er stimmt. Umso gespannter wartet man nun auf die Reaktion der Parteispitze, zumal man als Partei an Kontroversen im eigenen Lager wachsen kann, wenn man sie hart und ehrlich führt. Das Warten dürfte aber länger dauern. Mit Mattea Meyer ist die eine Co-Präsidentin immer noch krankgeschrieben, die Zürcher Nationalrätin hat bereits zwei Sessionen verpasst. Cédric Wermuth wiederum, der andere Co-Präsident, sei «wegen Ferienabwesenheit» für eine Stellungnahme nicht erreichbar, schreibt der Tages-Anzeiger.
Auch der Blick hat versucht, innerhalb der SP eine politische Fachkraft aufzutreiben, die auf Strahms Kritik hätte reagieren können. «Zunächst wollte sich niemand äussern, stattdessen verwiesen alle an die Medienstelle», schreibt der Blick. Schliesslich habe die Partei mit Samuel Bendahan doch noch einen «Spitzenmann» vorgeschickt. Samuel wer? – Es handelt sich um einen von zwei Co-Fraktionschefs, der ebenfalls keine Anstalten machte, auf die Zuwanderungsfrage nur annähernd einzugehen. Die SP-Spitze versucht, die Aufregung um Strahms Interview auszusitzen. Selbst wenn sie es schafft: Die Fakten, die der SP-Doyen in den Raum gestellt hat, bleiben dort.