In Bern bildet man sich wieder einmal ein, die Welt habe nur darauf gewartet, dass das eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten den moralischen Zeigefinger hebt. Da bestellt unser Aussenministerium tatsächlich den israelischen Botschafter ein, um ihm die Leviten zu lesen. Der Grund? Das israelische Parlament hat es gewagt, die Einführung der Todesstrafe für Terroristen zu debattieren – eine Massnahme übrigens, die in einem Land, das permanent um sein nacktes Überleben kämpft, von weiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wird. Doch in den Amtsstuben des EDA meint man, es besser zu wissen. Man geriert sich als oberster Schiedsrichter über das, was man heute so grossspurig als «Völkerrecht» bezeichnet, und mischt sich mit einer fast schon peinlichen Nonchalance in die internen Angelegenheiten eines souveränen Staates ein.
Alessandro della Valle/Keystone
Es ist dies Ausdruck einer schleichenden Verwahrlosung unserer Aussenpolitik und einer eklatanten Missachtung der schweizerischen Neutralität. Anstatt die Klappe zu halten, stillzusitzen und die Souveränität anderer Nationen zu respektieren, fühlt man sich in Bern berufen, andere Staaten zu zitieren. Ist das der neue Schweizer Neutral-Zeigefinger-Imperialismus? Das ist der generelle Ausdruck der Verwahrlosung der Schweizer Neutralität. Die Schweiz könnte sich wohltuend abheben, indem man sich die oberflächlichen, unqualifizierten Kommentare erspart und versucht, zu verstehen, was die Situation in Israel ist.
